Marode Autobahn in Berlin: Eine Spur weniger reicht doch auch
Bis Ende April soll die Ringbahnbrücke der A100 abgerissen sein. Das große Chaos blieb aus, BUND und Verkehrsforscher fordern jetzt ein Downsizing.
Wie aussagekräftig die Bilder für Laien sein werden, sei dahingestellt. Immerhin die Frage „Steht sie noch oder ist sie weg?“ dürfte sich nach einem Blick in den Livestream ohne Weiteres beantworten lassen. Allzu viel Zeit ist dafür gar nicht, wenn alles nach Plan läuft: Nach einem erneuten „Spitzengespräch“, zu dem Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) und Staatssekretärin Susanne Henckel vom Bundesverkehrsministerium eingeladen hatten, teilte die Senatsverwaltung ebenfalls am Freitag mit, dass die Abrissarbeiten in der kommenden Woche beginnen und schon am 25. April abgeschlossen werden sollen.
Zu Boden gebracht wird nicht nur die Ringbahnbrücke, mit der die A100, von Südosten kommend, über die Ringbahn verschwenkt wird. Auch die Westendbrücke, die die Autobahn einen Kilometer weiter nördlich wieder über die Gleise an die Seite der Gegenfahrbahn zurückführt, wird abgetragen. Für beide Brücken aus den 1960er-Jahren lief ohnehin schon die Planung von Ersatzbauwerken – diese wurde jetzt durch die Ausdehnung eines Risses in der Ringbahnbrücke unverhofft akut.
Um Schäden an der Ringbahntrasse zu vermeiden, auf der der S-Bahn-Verkehr aktuell zwischen Halensee und Westend ruht, sollen die Gleise mit einem „Fallbett“ aus Kies bedeckt werden. Dessen Entfernung wird im Anschluss an den Abriss noch ein paar Tage in Anspruch nehmen. „Nach derzeitigem Stand“, so die Verkehrsverwaltung, könne der S-Bahn-Verkehr aber schon am 28. April wiederaufgenommen werden.
Verkehrsapokalypse blieb aus
Währenddessen entspinnt sich gerade eine verkehrswissenschaftliche und -politische Debatte über die Effekte von Engpässen wie aktuell rund um die A100. Hatten anfangs viele – wenn auch nicht alle – BeobachterInnen geradezu apokalyptische Zustände mit Dauerstaus und Gefahrenlagen heraufziehen sehen, sieht es aktuell so aus, als hätte sich das Problem im Alltagstest weitgehend verflüchtigt. Obwohl der Pkw-Verkehr in Richtung Norden sich nun mit einer Notspur auf die Gegenfahrbahn zwängt und schwere Lkws Umwege über angrenzende Straßen nehmen müssen, könne man aktuell keine akute Stau-Belastung erkennen, so die Senatsverwaltung.
Der Berliner BUND zieht daraus das Fazit: „Fällt eine stark genutzte Straßenverbindung plötzlich weg oder reduziert sich die Kapazität deutlich, verdunstet nach einer Eingewöhnungszeit der Autoverkehr wie von Zauberhand.“ Zwar habe sich im umgebenden Straßennetz die Verkehrsbelastung deutlich erhöht, unterm Strich aber habe sich der Auto- und Lkw-Verkehr „in erheblichen Größenordnungen reduziert“.
Für Landesgeschäftsführerin Gabi Jung ein anschaulicher Beleg dafür, was die Verkehrswissenschaft seit Jahrzehnten wisse: „Autoverkehr ist keine Naturgewalt, sondern wird maßgeblich von der ihm zur Verfügung stehenden Infrastruktur stimuliert.“ Jetzt müssten daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden. „Aus unserer Sicht darf der anstehende Neubau der Ringbahnbrücke sowie des gesamten Autobahndreiecks Funkturm nicht in der bisherigen Dimension erfolgen“, so Jung. „Mindestens eine Fahrspur pro Richtung muss künftig wegfallen.“ Das gelte perspektivisch für die gesamte A100 und die Avus (A115).
Auch Verkehrsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) sieht diese Zusammenhänge. „Der Personenverkehr ist viel flexibler, viel elastischer, als wir immer annehmen“, sagt er zur taz. Viele Autofahrende könnten sich auf die veränderte Situation einstellen, nutzten andere Strecken oder verzichteten völlig auf Fahrten. Das gelte allerdings nicht für den Lkw-Verkehr: „Da sehen wir weiterhin noch eine Belastung der Umgebung.“ Dass es auch die S-Bahn-NutzerInnen getroffen habe, sei besonders bedauerlich.
„Die Peaks gibt es so nicht mehr“
Überhaupt, so Knie, nehme der Autoverkehr gerade seit der Pandemie ab, in der viele die Möglichkeit des Arbeitens von zu Hause für sich entdeckt hätten. Ebenso trügen Navigationsapps zur Entspannung des Verkehrs bei, die nicht nur bei Staus weiträumige Umfahrungen vorschlügen, sondern mit denen Fahrten auch je nach Verkehrslage vorausschauend geplant werden könnten. „Die Peaks wie früher haben wir mittlerweile gar nicht mehr“, sagt der Wissenschaftler.
Auch er glaubt, dass es an der Zeit sein, die Infrastruktur für den motorisierten Individualverkehr „bedarfsgerechter zu machen – also weniger“. Er fordert, dass nach der Rückstufung der A104 zu einem Zubringer der A100 und dem geplanten Abriss der Autobahnbrücke über den Breitenbachplatz („Die Leute dort bereiten schon die Party vor“) die A103 vom Kreuz Schöneberg zum Steglitzer Kreisel als nächstes auf die Streichliste kommen sollte. „Das brächte eine völlig neue Qualität von Stadt.“
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!