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Mark-Rothko-Retrospektive in FlorenzRothko rennt gegen die Wand

Der amerikanische Maler Mark Rothko reiste 1950 nach Florenz und studierte die Renaissance-Kunst. Jetzt sind dort Werke Rothkos zu sehen.

Am Fuß der Michelangelo-Treppe in der Laurenziana hängen zwei Studien für Rothkos berühmte Seagram-Wandgemälde Foto: Ela Bialkowska

Südfrankreich im Frühjahr 1950, Mark Rothko schreibt in einem Brief an seinen Freund, den Bildhauer Richard Lippold: „Ich bin immer noch auf der Suche nach dem Fabelhaften, von dem man sagt, ich würde es in Italien finden.“ Rothko, damals 46 Jahre alt, ist gerade auf einer fünfmonatigen Europareise. Seine Frau Mell hatte sie für ihn organisiert, damit er sich von einem Nervenzusammenbruch erholen konnte, den der Tod seiner Mutter im Jahr 1948 bei ihm ausgelöst hatte.

Die großen Museen in Paris aber lassen ihn unberührt. Kurz zuvor war Rothko ein künstlerischer Durchbruch zu einer Malerei farbenprächtiger Abstraktion gelungen und er sehnte sich nach einer transzendenten Erfahrung mit der Kunst. Im vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten Florenz fand er sie.

Ein Ort der Florentiner Renaissance hinterließ bei ihm den tiefsten Eindruck, er sollte Rothko noch jahrelang begleiten: das von Michelangelo um 1525 entworfene Vestibül der Biblioteca Medicea Laurenziana. Ein kompakter und doch monumentaler Raum, der von einer dramatischen Treppe aus kühlem, grauem Stein dominiert wird. Diese intim und gleichsam imposant erscheinende Architektur muss für ihn eine emotionale Begegnung gewesen sein. Ihre psychologische Wirkung, erklärte Rothko später einmal, versuche er auch mit seinen Gemälden hervorzurufen. Michelangelo sei es gelungen, ein Gefühl zu vermitteln, dem er auch er hinterher sei, nämlich das Gefühl, gefangen zu sein, sodass man nichts anderes tun könne, als „für immer mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen“.

Jetzt ist Rothko in Florenz zu sehen

Die Biblioteca Medicea Laurenziana ist nun einer von zwei Außenstandorten der Ausstellung „Rothko in Florence“. Einer großen Retrospektive, die vom Sohn des Künstlers, Christopher Rothko, und Elena Geuna kuratiert wurde. Sie erstreckt sich von der Hauptausstellung im Palazzo Strozzi auf eben jene Orte in Florenz, die für Rothkos künstlerisches Empfinden von historischer Bedeutung waren.

Mit mehr als 70 Werken findet die Ausstellung nur zweieinhalb Jahre nach der prominenten Rothko-Retrospektive in der Pariser Fondation Louis Vuitton statt. Doch wirkt diese Werkschau angesichts der vergleichsweise intimen Räumlichkeiten im Renaissance-Palazzo und Rothkos langjähriger Verbundenheit mit der toskanischen Stadt ganz anders. „Wenn Paris eine große Oper war, dann machen wir hier wunderschöne Kammermusik“, sagt Christopher Rothko zu dieser Florentiner Rothko-Retrospektive.

Tempel gemalt, ohne es zu wissen

Am Fuß der Michelangelo-Treppe in der Laurenziana hängen nun auf Augenhöhe zwei Studien in Rot und Schwarz für die Seagram-Wandgemälde. Die großformatige Gemälde-Reihe hatten die Architekten Philip Johnson und Mies van der Rohe 1958 für das von ihnen im Stil der elegant-minimalistischen Nachkriegsmoderne entworfene New Yorker Restaurant Four Seasons in Auftrag gegeben. Rothko, der zu diesem Zeitpunkt seine abstrakte Malerei schon ausgereift hatte, stellte sich die Seagram-Malereien als immersive, kontemplative Erlebnisse vor.

Als er 1959 – er arbeitete gerade am Auftrag fürs Four Seasons – während seiner zweiten Italienreise nach Pompeji kam, bemerkte er: „Mein ganzes Leben lang habe ich Tempel gemalt, ohne es zu wissen.“ Rothko erkannte, dass die feierliche Intensität seiner Werke mit der Atmosphäre eines Restaurants unvereinbar sein würden. Er zog sich von dem Auftrag zurück und spendete die Seagram-Wandgemälde später der Tate Gallery in London. An dem Tag, als die Werke 1970 im Londoner Museum eintrafen, wurde der 66-jährige Rothko auf der anderen Seite des Atlantiks in seinem Atelier in der New Yorker East 69th Street tot aufgefunden. Er hatte Suizid begangen.

Rothko trifft Fra Angelico

Markus Yakovlevich Rothkowitz wurde 1903 im lettischen Daugavpils geboren, das damals Teil des Russischen Reiches war. Den weniger jüdisch klingenden Namen Rothko nahm er in den 1940er Jahren an, woran abzulesen ist, wie stark sein Leben von sozialem und politischem Antisemitismus geprägt war, sowohl im zaristischen Russland als auch in den Vereinigten Staaten, wohin er im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie ausgewandert war. Rothko zeigte schon früh akademisches und künstlerisches Talent und erhielt ein Stipendium für die Yale University. Doch er fühlte sich in einem judenfeindlichen Umfeld entfremdet und brach sein Studium vorzeitig ab – 46 Jahre danach, 1969, sollte ihm die Yale University dennoch die Ehrendoktorwürde verleihen.

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Als jüngstes von vier Kindern war Rothko der Einzige unter seinen Geschwistern gewesen, der in Lettland eine religiöse Erziehung erhalten hatte. Das war seinen Eltern in Reaktion auf die zunehmenden Pogrome im Zarenreich wichtig gewesen. Nach dem Tod des Vaters, 1914 in den USA, wandte sich Rothko von der traditionellen Religionsausübung ab, blieb jedoch zeitlebens kulturell jüdisch. Wie viele seiner Generation war er zutiefst davon erschüttert, dass er ohnmächtig dem Holocaust zusehen musste. Womöglich hat auch dies nach dem Tod der Mutter zu seinem Nervenzusammenbruch beigetragen.

Der Maler vor einem seiner Werke, das Foto entstand 1961 Foto: Bridgeman Images/imago

Obwohl er anfangs weder bei der Kunstkritik noch kommerziell Erfolg hatte, blieb Rothkos Suche nach Sinn und Spiritualität immer ein zentraler Bestandteil seines Werks. Sie kam in der Ungreifbarkeit, Unbenennbarkeit und Transzendenz seiner abstrakten Kunst zum Ausdruck. Der zweite Teil der Ausstellung im Museo di San Marco beleuchtet diesen Aspekt seiner Malerei. Er ist ein weiteres Highlight der Florentiner Rothko-Retrospektive: In einzelnen Mönchszellen des ehemaligen Klosters sind mehrere von Rothkos kleineren, nichtfigurativen Werken inmitten der kürzlich restaurierten, frühneuzeitlichen Fresken von Fra Angelico zu sehen. Auch hier, wie im Vestibül der Biblioteca Medicea Laurenziana, muss Rothko von der Spannung zwischen dichter Architektur und der Weite ihrer andächtigen Atmosphäre zutiefst beeindruckt gewesen sein.

Lebenslange Auseinandersetzung mit existenziellen Themen

Inspiriert von seinem Besuch der Klosteranlage San Marco im Jahr 1950 überlegte Rothko sogar, wie sein Sohn der Presse erklärt, kleine Kapellen am Straßenrand zu bauen, darin ein einziges meditatives Gemälde. Doch schon bald sollte er an einem weitaus größeren Meisterwerk arbeiten: 1964 gaben die Mäzene John und Dominique de Menil bei ihm Gemälde für die (posthum so benannte) Rothko Chapel in Houston, Texas, in Auftrag. Ursprünglich als katholische Kapelle konzipiert, entwarf Rothko sowohl die Wandgemälde als auch den Innenraum und schuf so einen konfessionslosen Andachtsraum. Mit welch eindringlicher Wirkung er an den Wandflächen die Violett- und Blautöne changieren ließ, verdeutlicht seine lebenslange Auseinandersetzung mit existenziellen Themen. Als würde er fragen, wie viel Detailreichtum die Welt verkraften kann, bevor sie in Abstraktion zerfällt.

Die Hauptausstellung im Palazzo Strozzi ist in zehn Räume unterteilt, die chronologisch Rothkos Werdegang nachzeichnen. Sie beginnt mit seinen frühen figurativen Arbeiten, darunter ein Selbstporträt, das viele aufgrund seiner stilistischen und technischen Einfachheit überraschen dürfte. Die Ausstellung widmet sich sodann seiner Auseinandersetzung mit dem Surrealismus und zeigt in mehreren Galerien das beeindruckende Register seiner Farbfeldbilder. Zu sehen sind selten gezeigte Zeichnungen und Studien zu Aufträgen wie den Wandgemälden für Seagram und Harvard sowie der Kapelle. Der Aufbau der Ausstellung spiegelt nicht nur Rothkos stilistische Entwicklung wider, sondern auch seine Stimmung: Die späteren Räume werden zunehmend dunkler und düsterer.

Nach innen gerichtet und von stiller Schönheit

Nach Abschluss der Kapellenserie malte Rothko, dessen Gesundheitszustand sich verschlechterte, fast ausschließlich auf Papier und kehrte erst 1969 für ein nie fertiggestelltes Unesco-Projekt zur Leinwand zurück. Zu diesen späten Arbeiten gehören 18 „Black and Grey“-Gemälde, von denen einige im Palazzo Strozzi zu sehen sind. Es sind bewegende, beunruhigende Werke mit auffallend unsteten Farbfeldern, lebhafter Pinselführung und – zum ersten Mal – weißen Rändern, welche die Bildfläche klar abgrenzen.

In den letzten Monaten seines Lebens schuf Rothko drei Serien großformatiger Arbeiten auf Papier. Einige erinnern an die „Black and Grey“-Leinwände, andere sind kaum in ihren Details wahrnehmbar, weil sehr dunkel, oder zeichnen sich durch sanfte Lasuren in zarten Blautönen, rosafarbenen Erdtönen und Terrakottafarben aus. Diese späten Werke sind zutiefst persönlich, nach innen gerichtet und von stiller Schönheit.

Christopher Rothko, der sechs Jahre alt war, als sein Vater sich das Leben nahm, bezeichnete diesen Raum als ein einziges Kunstwerk – und als sein Lieblingswerk in der Ausstellung. Sein Vater sei für seinen Scharfsinn bekannt gewesen. „Er liebte es, zu diskutieren. Aber letztendlich war er einfach ein sehr herzlicher Mensch. Ich glaube, man sieht das in den Gemälden.“

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