Mahnwache wegen CSD-Anschlag : Routinierter Schlagabtausch statt Würdigung der Opfer
Auf einer Gedenkveranstaltung am Sonntagabend in Bremen stehen die Verfehlungen der Regierung im Zentrum. So müssen Schmerzen nicht gefühlt werden.
E in Mensch ist tot. Andere sind verletzt, an Körper und/oder Seele, weil sie dabei waren, als ein mutmaßlich islamistischer Attentäter am Samstagabend im Berliner Tiergarten in eine Menschenmenge fuhr.
Noch sehr viel mehr Menschen haben jetzt vermutlich ein verletztes Sicherheitsgefühl, weil der Anschlag auf den Berliner CSD auch ihnen galt: allen, die nicht ins Raster von einander begehrenden „Frauen“ und „Männern“ passen. Um mit ihnen Solidarität zu zeigen, gehe ich am Sonntagabend zur ad hoc organisierten Mahnwache vor dem Bremer Theater.
Ich möchte mit anderen das Signal senden: Wir stehen für eine offene Gesellschaft, in der Individuen sich frei entfalten können – so wie es im Grundgesetz festgeschrieben ist.
In erster Linie aber, glaube ich, bin ich da, weil ich einen Ort suche, um begreifen zu können, was passiert ist. Doch auf dem Goetheplatz, auf den um 19 Uhr laut Polizei bis zu 550 Personen gekommen sind, gibt es keinen Raum für ein Innehalten. Keine 24 Stunden nach der Gewalttat ist für die hier Versammelten schon alles klar: Sie ist Ausdruck einer zunehmenden Queerfeindlichkeit der ganzen Gesellschaft.
Instrumentalisierung von allen Seiten
Dieser Eindruck entsteht bei mir aufgrund des Inhalts der Redebeiträge und des Applauses, den sie bekommen. Verstehen kann ich aufgrund der Lautstärke drei von vieren. Ein:e Redner:in dankt unter anderem der Berliner Polizei für ihren Einsatz am Samstag. Ansonsten höre ich: Die Polizei schützt uns nicht, sie ist rassistisch. Ich frage mich, ob die beiden Polizist:innen, die direkt hinter der Bühne stehen, das auf sich beziehen.
Vor allem aber greifen die Redner:innen „die Politik“ an: die Regierung, die CDU, Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesfamilienministerin Karin Prien. Sie werden in einem Atemzug mit der AfD und anderen Rechtsextremist:innen genannt. So steht es auch in vielen Beiträgen in sozialen Medien.
Weil sie sich zu wenig für die queere Community einsetzen würden, ihr im Gegenteil sogar die Finanzierung streichen wie aktuell dem Jugendnetzwerk Lambda, dürften die genannten Personen jetzt keine Anteilnahme äußern. Wie in vielen taz-Artikeln wird Merz sein Spruch aus dem letzten Jahr vorgehalten, dass die Regenbogenflagge nur an einem Tag im Jahr über dem Bundestag gehisst werden solle, weil der kein Zirkuszelt sei.
Ich teile die Kritik zum größten Teil. Aber ich verstehe nicht, warum sie jetzt so im Vordergrund steht. Dahinter verschwindet nach meinem Eindruck die Würdigung der Opfer. Und ja, es gibt Politiker:innen, die wie immer solche Anschläge für ihre Zwecke instrumentalisieren, indem sie umgehend Abschiebungen fordern, mehr Überwachung, schärfere Gesetze.
Aber wem hilft es, wenn dies jetzt ebenso routiniert zurückgewiesen wird, in immer demselben Schlagabtausch, der die Fronten noch härter macht, als sie ohnehin schon sind? Meine Vermutung: allen, die keinen Schmerz fühlen wollen. Die lieber wütend werden wollen, weil man sich so Handlungsmacht einbilden kann, anstatt verzweifelt zu sein oder hilflos zu trauern. Dabei haben Trauerprozesse die Funktion, etwas Altes abzuschließen, damit etwas Neues beginnen kann. Das wird so schwerer.
Bis zum Schluss der Mahnwache warte ich darauf, dass sich doch noch etwas wie Authentizität einstellt. Ich freue mich auf das angekündigte Lied, das wir gemeinsam singen werden. „Gemeinschaft! Gefühle!“, denke ich. Während der Schweigeminute läuft in meinem Kopf schon mal „We shall overcome“.
Aber weit gefehlt. „Wehrt euch, leistet Widerstand, gegen den Faschismus in unser'm Land!“, gibt es, nach der Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“. Der Gesang ist schleppend. Von der Kraft, die Wut mit sich bringt, ist nichts zu spüren. Für dieses Gefühl ist es offenbar nicht nur für mich noch zu früh.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert