„Macbeth“-Verfilmung von Joel Coen: Das Unheil bleibt in der Welt

Der Regisseur Joel Coen hat William Shakespeares „The Tragedy of Macbeth“ verfilmt. Denzel Washington gibt den Königsmörder.

Denzel Washington als Macbeth mit viel Schatten vor einem Vorhang.

Macbeth (Denzel Washington) ist bei Joel Coen ein weicher, verletzlicher Grübler Foto: Apple TV+

Mehr als 400 Jahre ist William Shakespeares Königsmörderdrama „The Tragedy of Macbeth“ alt, doch von seinem Reiz für Theater- und seit einem Jahrhundert mehr noch Filmemacher hat es nichts verloren, im Gegenteil. Kaum eine Bühne von Rang, die das Stück über Aufstieg und Fall eines machtgierigen Paares nicht schon mal auf dem Spielplan hatte, etliche Kinoadaptionen sind legendär, Orson Welles’ „Macbeth“ von 1948, Akira Kurosawas nach Japan übertragenes „Schloss im Spinnwebwald“ 1957 oder Roman Polanskis blutrünstige Version 1971.

Viele andere dagegen sind längst vergessen. Nun also Joel Coen, der sich erst gar nicht damit aufhält, den Stoff vermeintlich in die Gegenwart oder eine angenommene Wirklichkeit zu hieven, sondern seine theatralen Wurzeln geradezu offenlegt.

Die Geschichte um den Aufstieg und Fall des Heerführers und seiner ehrgeizigen Gattin Lady Macbeth ist hinlänglich bekannt, und Coen tut gut daran, daran nichts Elementares zu ändern, auch wenn er die Tragödie auf etwas über 100 Minuten gestrafft hat. Der Genuss des Publikums, und es ist einer, entsteht durch die Inszenierung, die diese Tragödie so subtil, so feinädrig wie kaum bislang seziert, statt auf Blutbad und mimisches Spektakel zu setzen. Es wird oft eher geflüstert und gemurmelt, auch die Gewalt ist auf wenige kurze Momente reduziert.

Mithilfe des herausragenden Kameramanns Bruno Delbonnel inszeniert Joel Coen das Stück als expressionistischen Albtraum in streng komponierten Schwarz-Weiß-Bildern im fast quadratischen 1:1,19-Format.

„The Tragedy of Macbeth“. Regie: Joel Coen. Mit Denzel Washington, Frances McDormand u. a. USA 2021, 105 Min. Ab 25. 12. im Kino, ab 14. 1. auf Apple TV+

Das Schloss von Szenenbildner Stefan Dechant ist mehr abstrakte Form als reales Gebäude, es herrschen klare Linien und Konturen, auch in den von Mary Zophres geschaffenen Kostümen, das Licht wirft harte Schatten, fast wie eine Graphic Novel oder ein Stummfilmdrama von Carl Theodor Dreyer. Die Landschaft, die Außenwelt dagegen mit ihren verkrüppelten Bäumen, lässt sich kaum fassen, löst sich oft in gleißenden Nebeln auf.

Emotionale und intellektuelle Wucht

Dass sich der visuelle Exzentriker nicht mit abgefilmtem Theater begnügen würde, war ohnehin anzunehmen, doch gerade diese Künstlichkeit erweist sich als passender Modus, um Shakespeares Sprache in all ihrer emotionalen und intellektuellen Wucht wirken zu lassen, und ist weit mehr als nur visuelle Spielerei oder inszenatorische Prahlerei. Joel Coen kreiert hier das Bild einer hermetischen Gedankenwelt, die zunächst irritiert in ihrer Überhöhung, die aber schnell ihren ganz eigenen Sog entwickelt und nicht mehr loslässt.

Mit Bedacht nutzt er dabei auch CGI-Effekte, etwa bei den Auftritten der drei Hexen, allesamt verkörpert von der atemberaubenden Kathryn Hunter, einer Koryphäe des körperbetonten Physical Theatre, die sich windet und ihre Prophezeiungen kräht, dass es nicht wundert, wenn sie sich kurz danach tatsächlich in schwarze Vögel auflöst.

Die beiden Hauptfiguren sind älter als in den meisten anderen Adaptionen, was ihrem getriebenen Handeln eine gewisse Verzweiflung gibt, die im Spiel gar nicht weiter betont werden muss. Denzel Washington, 66, der im Laufe seiner Karriere immer wieder Shakespeare gespielt hat, auf der Bühne und auf der Leinwand, gibt diesen Macbeth als weichen, verletzlichen Grübler, der durch Machtgier zum Soziopathen wird. Er spricht diese jahrhundertealten Verse, als wäre es alltägliche Konversation, das ist wirklich große Kunst.

Auch Frances McDormand, 64, ein knappes Jahr nach ihrem Oscar-Auftritt in Chloé Zhaos „Nomadland“ (und ab 30. 12. auch auf Disney+), braucht in dieser gänzlich anderen Rolle nur kleine Gesten, nicht zuletzt in Lady Macbeth’ Schlafwandelmonolog, der schon so manche Kollegin zum Overacting verleitet hatte.

Krähen verdunkeln den Himmel

Für Macbeth geht es auch diesmal nicht gut aus, dazu braucht es keinen Spoileralarm. Kurz scheint’s, als sei mit seinem Ende auch die Ordnung wieder hergestellt. Doch dann schrecken unzählige Krähen hoch und verdunkeln den Himmel. Das Unheil, es bleibt in der Welt, auch 2021. Dann ist nur noch zu hören, wie der Schalter des Bühnenlichts umgelegt wird. Und es bleibt: nichts als tiefstes Schwarz.

„The Tragedy of Macbeth“ ist der erste Spielfilm, den Joel Coen im Alleingang ohne seinen Bruder Ethan inszeniert, nach 18 gemeinsamen Werken wie „Fargo“ und „No Country for Old Men“. In der Familie bleibt es trotzdem: Mit der Hauptdarstellerin Frances McDormand ist der Regisseur seit 1984 verheiratet, sie setzte sich jahrelang für eine gemeinsame Adaption des Stoffes ein und hat den Film nun auch mitproduziert.

Nach einem Ausflug zu Netflix mit „The Ballad of Buster Scruggs“, dem bislang letzten Coen-Brothers-Film 2018, ist er nun bei Apple TV+ gelandet, wo „Macbeth“ ab 14. Januar zu sehen sein wird. Ganz fürs Kino verloren ist aber auch dieses Werk nicht. Einige Filmtheater zeigen das Drama bereits ab dem ersten Weihnachtsfeiertag auf der großen Leinwand und diesen Weg ist das hochkonzentrierte Vergnügen in seinen betörenden Schwarz-Weiß-Bildern allemal wert.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de