Lofi-House von Heatsick: Bis der Brustkorb vibriert

Steven Warwick alias Heatsick macht mehr als nur Musik: Konzeptkunst, Politik und Dancefloor sind bei ihm eng ineinander verflochten.

Vor irgendetwas herumstehen und dabei noch gut aussehen, ist auch eine Kunst: Steven Warwick aka Heatsick. Bild: Christian Freckman/Promo

Heatsicks Musik ist reines Understatement. Auf der Oberfläche bleibt unerkannt, dass sich dahinter stets streng durchdachte Konzepte verbergen. Steven Warwick aka Heatsick überlässt jedoch nichts dem Zufall und sucht die Widersprüche.

Das konnte man bei einem Auftritt im Berghain erleben. Einem Ort, der wegen seines erlesenen Soundsystems nicht nur als kultureller Exportschlager Berlins, sondern auch für einen perfekten Clubsound steht.

Als der gebürtige Brite nur mit schrottigem Keyboard, dem die Hälfte der Tasten fehlt, und Tamburin die Bühne betritt, wird der Gegensatz zwischen Hightech und Heatsicks rudimentärer Lo-Fi-Instrumentierung körperlich spürbar.

Statt der maschinellen Genauigkeit, die heute vielen Techno- und Houseproduktionen anhaftet, klingen die live gespielten und mit dem Keyboard geloopten Tracks des Briten zwischen ausgeruhtem Chicago House und Electro genauso fragil wie improvisiert.

Das Publikum wirkt zunächst ratlos. Was macht dieser schlaksige Kerl da mit seinem kaputten Keyboard? Doch Warwick weiß: Je länger er die Bassdrum wiederholt, die den Brustkorb vibrieren lässt, desto stärker entfaltet sich ihr Sog. Bis man mittendrin steckt, im nicht enden wollenden Kreislauf des temporären Verschwindens des Selbst, der Ekstase und der Auflösung von Zeit.

Viele außermusikalische Einflüsse

Es sind genau solche Themen, die Heatsick seit jeher prägen. „Ich höre viel Musik, aber ich habe mindestens genauso viele außermusikalische Einflüsse“, sagt Warwick in einem Kreuzberger Café. Jeder Track, jede Platte ist für den 32-Jährigen eine neue Möglichkeit, die Themen zu verarbeiten, die ihn gerade umtreiben. Oft sind sie philosophischer oder politischer Natur.

Auf seiner 2011 veröffentlichten EP „Intersex“ ging es um den vom Sexualforscher Magnus Hirschfeld geprägten Begriff der „Intersexualität“. Hirschfeld, der auch als Begründer der Homosexuellenbewegung gilt, beschrieb als erster Wissenschaftler das Geschlecht als Konstrukt, das nicht fixiert ist. Warwick interessiert das Thema vor allem persönlich. Sein Umzug nach Berlin 2006 war auch eine Flucht aus der kulturellen Enge der nordenglischen Provinz, wo er aufwuchs.

Das eigene Schwulsein aktiv zu thematisieren wie im Song „Vom Anderen Ufer“, ist ihm wichtig. „Auch wenn ich nicht ständig auf der Straße demonstriere“, sagt er und lächelt, bevor seine Gesichtszüge ernster werden. „Auch, weil Homosexuelle einige Hundert Kilometer weiter östlich aufgrund ihrer Orientierung um ihr Leben fürchten müssen.“

Auf seinem aktuellen Album „Reengineering“, das Ende 2013 erschien, geht es um Ökologie. „Damit meine ich nicht unbedingt die Natur, sondern vor allem unsere technologische, mediale Umwelt“, sagt der Brite, während seine Hand den Rhythmus des gedämpften Hintergrundbeats mitklopft.

Der Track „Watermark“ handelt vom Missverhältnis zwischen digitalen, also virtuellen Informationen und Privateigentum. Dass alle Informationen heute zurückverfolgbar sind, führe dazu, dass selbst Musik im Internet inzwischen vollständig privatisiert ist.

Bewusster Verzicht auf Perfektion

Auch der Begriff Transparenz und seine politischen Implikationen beschäftigen Heatsick. „Transparenz bedeutet ja nicht, dass etwas zugänglich ist, sondern, dass man es aus einer Distanz heraus sehen kann“, sagt Warwick und deutet auf ein Fenster. „Nur weil ich den Baum dort sehen kann, heißt es nicht, dass ich ihn auch greifen kann.“

Die wache Skepsis gegenüber Politik und Gesellschaft und das Bedürfnis, darüber zu sprechen, treibt Heatsick gelegentlich auch in die bildende Kunst. Vor zwei Jahren kuratierte er die Ausstellung „Sicherheitsdienst im Auftrag der BVG“. Es war zu der Zeit, in der der öffentliche Nahverkehr in Berlin einen privaten Sicherheitsdienst engagierte. „Das machte mir Sorgen, denn es führt dazu, dass man den Staat nicht mehr verantwortlich machen kann.“

Als er beobachtete, wie einige Sicherheitsleute gewalttätig gegen Fahrgäste vorgingen, organisierte Heatsick zusammen mit befreundeten Künstlern die Ausstellung. Bei aller Gesellschaftskritik, Warwicks Musik ist alles andere als verkopft.

Im Gegenteil: Auch seine experimentelleren, von Dronesounds oder Breakbeats beeinflussten Tracks sind immer sehr direkt und absolut tanzbar. Dass seine Livesets vor allem vom Mut zur Improvisation und dem Verzicht auf Perfektion leben, lässt sich auch als Statement gegen den durchdesignten Alltag der Leistungsgesellschaft lesen.

Ein Widerspruch zwischen den Sounds und dem intellektuellen Unterbau besteht Warwick zufolge nicht. „Musik ist definitiv dazu in der Lage, etwas zu transportieren, das über ihren reinen Klang hinausgeht.“ Die Menschen seien heute ohnehin viel intelligenter als noch vor ein paar Jahren und könnten Informationen schneller verarbeiten.

Bei dem Heatsick-Auftritt im Berghain dauerte es dann nur 15 Minuten, bis auch die letzten Zweifler tanzten.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de