: Like avirgin
Am 3. Juli erscheint das neue Album von Madonna. Wird sie sich darauf wieder einmal neu erfinden? Was wir bislang von der Queen of Pop gelernt haben
How to shake that Body
„Madonna hat geradezu gefunkelt vor Energie, sie strahlt heller als alle anderen im Saal.“ Mark Kamins erinnert sich an eine charismatische Tänzerin, die 1982 ständig im New Yorker Club „Danceteria“ war, wo er als DJ Cutting-Edge-Musik auflegt. Die Tanzfläche wird Madonnas Laufsteg: Als Fab 5 Freddy, der Graffiti- und Rap-Pionier, sie dort sieht, verpflichtet er die junge Frau für einen Auftritt als Tänzerin. „Madonna wusste definitiv how to shake that body“, schreibt er in seinen Memoiren. Und lobt ihre von Mark Kamins produzierte Debütsingle „Everybody“ (1982) als straßenschlaue Aneignung verschiedener zeitgenössischer Stile: Rap-Sprechgesang, britische Girlgroup-Posen à la Bananarama und das zackige Beatdesign des Latin-Freestyle, einem lokalen, puerto-ricanisch geprägten New Yorker Sound. Madonna ist die erste Künstlerin der 1980er, die vom Dance-Underground nach oben gespült wird, und ihm dabei immer die Ehre erweist. Der Videoclip für „Everybody“ wird im queeren New Yorker Club „Paradise Garage“ gedreht, dessen DJ Larry Levan die Madonna-Songs oft auflegt. Von dort wandert ihre Musik weiter ins Radio, wo sie zuerst vom New Yorker DJ Frankie Crocker gespielt wird. Für Madonnas Debütalbum ist ihr Freund, DJ John „Jellybean“ Benitez der Multiplikator. Zunächst produziert er „Holiday“. Als B-Seite veröffentlicht, wird es 1983 zur New Yorker Hymne, dann zum Welthit. Jellybean zieht die Latin-Freestyle-Schrauben an, highlightet die Drums für den Dancefloor und sorgt umgekehrt dafür, dass Madonna als Komponistin selbstbewusster wird. Zum Dank schreibt sie ihm den Song „Sidewalk Talk“, der 1984 unter seinem Namen veröffentlicht wird. Müßig zu erwähnen, dass Madonnas subversiver Einsatz von Underground-Props im Mainstream vom Popdiskurs der 1980er-Jahre weitgehend ignoriert wird. Geschmackssicher agiert sie jedenfalls bis heute. Julian Weber
Material Girl
Es gibt eine Lücke zwischen „Disco 77“ mit Ilja Richter („Licht aus, Spot an!“) und dem Erscheinen von Madonna auf der Bildfläche. Die Lücke heißt bei mir Neue deutsche Welle, David Bowie, New Wave. Das alles habe ich eher live, auf dem Plattenteller und auf Partys erlebt. Madonna war dann ein Bildschirmphänomen, der gerade erfundene Videoclip in Cinemascope-Format. Wie viele Reizposen passen in einen Song, was kostet die Welt? Madonna war tanzbar und anschlussfähig, auch wenn in den Schuppen, in denen ich damals verkehrte, eher Cramps, Psychobilly, Soul oder Indie gespielt wurde; wir sprechen hier von der Zeit vor der Hamburger Schule. Aber Madonna war immer auch etwas anderes als Töne und Zeilen. Nicht, dass Images, Styles, Zeichen bei anderen Musikerinnen keine Rolle gespielt hätten, aber bei Madonna war das (ist es vielleicht noch, ich weiß nicht) das eigentliche Material. Dass man darauf auch tanzen kann, war eher die Probe aufs Exempel, dass man die Inszenierung, das Spiel verstanden hatte. Als Hetero, der ich bin, auf „Like a virgin“ zu tanzen, ist mir aber nicht immer gelungen. Intellektuell find ich den Song super. Es ist ja jede Liebe ein erstes Mal.
Gerade habe ich mir noch mal, nach bestimmt 20 Jahren, den Videoclip zu „Material Girl“ angesehen. An die affirmativ hedonistische Marilyn-Monroe-Zitate hatte ich mich selbstverständlich erinnert, das ist drin im kollektiven Gedächtnis. Aber den B-Strang des Videos, der wahre Liebe mit (Inszenierung von) Armut und Knutschen im Ford verknüpft, hatte ich total vergessen. Dieser B-Strang ist echt seltsam. Konterkariert die Unschuld der weißen Margariten das Material Girl des A-Strangs? Ist das ein Widerspruch? Oder eine Ergänzung? Das ist vielleicht das Besondere an Madonna. Es muss immer etwas Rätselhaftes bleiben. Dirk Knipphals
Krähengleich in der Wüste
Etwas stimmt nicht mit meinem Algorithmus. Wenn ich „Frozen Musikvideo“ in die gängigste aller Suchmaschinen eingebe, spuckt diese zuerst den gleichnamigen Disneyfilm aus. Ich habe die Geschichte um Prinzessin Elsa nie gesehen, kann mir aber kaum vorstellen, dass irgendetwas daran popkulturell bedeutender sein könnte als der Song, den Madonna im Januar 1998 als erste Singleauskopplung ihres Albums „Ray of Light“ veröffentlichte. Oder als eben dieses Video, in dem sie in bodenlager Gothic-Couture aus Jean Paul Gaultiers Kollektion „Ode to Frida Kahlo“, inszeniert von Chris Cunningham krähengleich über die Mojave-Wüste schwebt. Alle bemalten sich danach die Hände mit Henna und versuchten sich in die Kabbala einzulesen. Überliefert ist, dass Madonna Patrick Leonard, von dem „Frozen“ wie so viele ihrer Hits stammen, angewiesen habe, er solle ihr etwas zwischen dem oscarprämierten Sound des Spielfilms „Der englische Patient“ (1996) und Nine Inch Nails schreiben. Mit Unterstützung des britischen Produzenten William Orbit gelang das auch. Diese epischen Streicher, das Flächige, Ambienthafte, die Drums, die Synthies, Madonnas Stimme. Wer „Frozen“ nur ein einziges Mal gehört hat (wünsche ich keinem), erkennt den Song sofort wieder. Es lohnt sich ohnehin, „Ray of Light“, Madonnas bis dahin futuristischstes, mystischstes, experimentellstes Album, einmal wieder von Anfang bis Ende zu hören. Es ist ihr bestes, zumindest bislang. Beate Scheder
Falls Madonna anruft
Der coolste und zugleich lustigste Housetrack des Jahres 1996 stammte von Junior Vasquez und hieß „If Madonna Calls“. Das zentrale Element des Stücks ist die Stimme von Madonna, aufgenommen von Vasquez’Anrufbeantworter. Madonna fragt: „Are you there?“ Dann gibt sie ihren Aufenthaltsort durch: „Call me in Miami.“ Eine männliche Stimme kommentiert: „If Madonna calls: I’m not here.“
Vasquez erklärte, das Stück sei ein bitch track, auf dem eine Queen die andere lese. „To read“ bedeutet in der Sprache der Dragqueens und Kings der New Yorker Ballrooms, andere humorvoll – aber, wenn es sein muss, auch zickig und ein bisschen böse – auf die Schippe zu nehmen und ihre Schwächen zu sezieren.
Vasquez reagierte mit seinem Stück angeblich darauf, dass Madonna in letzter Minute einen Auftritt im Tunnel absagte, wo Vasquez als Resident DJ arbeitete. Sie war not amused und beendete ihre Zusammenarbeit mit dem Produzenten. Damit endete eine Ära, denn Vasquez hatte Madonnas Songs nicht nur so remixt, dass sie auch auf den anspruchsvollen Dancefloors der von queeren Afroamerikaner*innen und Latinos dominierten House-Szene funktionierten: Er hatte Madonna Vogueing nahegebracht, was die Künstlerin zu ihrem Stück „Vogue“ von 1990 inspirierte. Darin verknüpfte Madonna die durch Hollywood popularisierten großen Namen des amerikanischen Tanzes – „Ginger Rogers, Fred Astaire“ – mit dessen Ursprüngen in marginalisierten Communitys. Das Musikvideo choreografierten Jose Gutierez Xtravaganza und Luis Camacho vom House of Xtravaganza.
„Vogue“ ragt aus Madonna’s Œuvre heraus, weil es der Kultur des Vogueing erstmals Aufmerksamkeit verschaffte. Es ist ein Meisterstück kultureller Aneignung, im Guten wie im Schlechten. Dass sie so beleidigt auf „If Madonna Calls“ reagierte, nahm ihrer Persona ein bisschen den Glanz. Ulrich Gutmair
Gut katholisch
Madonna, Tochter konservativer italienischer Einwanderer, rebellierte laut ihrer Biografie von 1988 schon als Mädchen gegen das katholische Dogma, wonach eine Frau entweder eine Heilige ist oder eine Hure. Sie verlegte sich in ihrer Frühphase in den 80ern lieber darauf, möglichst verwirrende Signale zu senden: Jungfrauenpose und „Fuck-me-Blick“. Betende Hände, aber untenrum fast nix an. Brautkleid und „Boy-Toy“-Gürtel. Im Ländlich-Katholischen aufgewachsene Mädchen wie meine Freundinnen und ich liebten diese schlichten, aber effektiven Provokationen. Wir probten zu „Burning up“ vor dem Spiegel offensives weibliches Begehren („Don’t put me off, cause I’m on fire/And I can’t quench my desire“) oder schmachteten lasziv-pseudounterwürfig, mit Omas Rosenkranz um den Hals, zu „Like a Prayer“ („I’m down on my knees, I wanna take you there“). So richtig feministisch war das nicht – oder doch gerade? Darüber stritten wir mit Hingabe. Erst recht später, als Madonna von der Provo-Göre zur muskulösen „Ambitious-Blonde“-Selbstoptimierungsmaschine mutierte. Selbst im Alter von 67 ist Madonnas katholischer Muskel noch bestens trainiert, wie ihr aktuelles Video beweist: Laserstrahlen aus dem Schlüpfer! Das ist so lustig und cheesy, dass ich sie dafür schon wieder liebe. Nina Apin
Primadonna inter pares
März 2020, die ganze Welt ist von Corona geschüttelt und hockt im Lockdown zu Hause, verbunden durch kleine leuchtende Endgeräte. Während man auf denen in Deutschland Boris Becker beim Klatschen betrachten kann, fühlen sich auf der ganzen Welt Prominente dazu berufen, sich zum Zustand der Welt zu äußern – auch Madonna. Mit dunklem Haaransatz im blondierten Dutt und mit perfekt geschminktem, durch vermutlicherweise diverse Schönheitseingriffe mittlerweile alterslos und löwenartig anmutendem Gesicht sitzt die Sängerin im milchigen Wasser einer erstaunlich unexzentrischen Badewanne. Die Gliedmaßen schützend um den, nach ihren Fitness 2010er-Jahren erstaunlich sinnlichen Körper geschlungen („Hard Candy“ war nicht nur ein Albumtitel, sondern wurde gleich eine eigene Sportstudio-Kette), umgeben von schwebenden Rosenblättern, seufzte sie ihre Botschaft ins Internet: Corona sei „der große Gleichmacher“. Es sei egal, wie arm oder wie reich, wie schön oder wie lustig man sei, vor dem Virus sei niemand gefeit. Das sei das Schreckliche – und das Wunderbare an ihm. Der nicht mal einminütige Clip war so bizarr, so schwer zu lesen, dass er tagelang für Spekulationen sorgte. Madonna als lebensmüde Ophelia? Als Hohepriesterin einer darwinistischen Virusgottheit? Oder einfach schlechte Social-Media-Beratung?
Mittlerweile ist das Video aus dem Instagram-Feed des Stars verschwunden, Madonna sieht sich trotz neuer, unkonventioneller Promo-Kampagne in diversen digitalen Medien, unter anderem der Dating-App Grindr, heute mehr als analogen Typ: Im April bezeichnete sie Instagram im Gespräch mit dem Interview Magazine als „mesmerizing and soul destroying“ – wie überaus passend. Hilka Dirks
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