Liebe macht Rote Bete schmackhaft: Blutrotes Kryptonit

Was uns schmeckt, hat mit Gefühlen und Beziehungen zu tun. Unsere Autorin mochte die nahrhafte Rote Bete erst, als sie sich verliebte.

Ein Küchenbrett mit Roter Bete, als Knolle und geschnitten

Rote Bete ist nahrhaft, aber unsere Autorin mochte sie nicht Foto: imago

Sie nahm das Ding mit eigenen Händen aus der Erde. Ich sah durchs Fenster, wie sie sich bückte und grub, kurz nachdem wir aufgestanden waren und das Licht der aufgehenden Sonne sich über die Felder legte. Dann kochte sie es, während ich mich für die Fahrt nach Berlin fertig machte, und gab es mir in einer Dose – rot und warm. Ein Krimi? Nein, eine Romanze: Sie gibt mir ihr „Herz to go“, dachte ich.

„Und?“, stand am übernächsten Abend als einziges Wort in ihrer Nachricht. Sie wartete auf mein Urteil. „Ja!“, schrieb ich und betonte es mit Emojis: eine Zunge und ein Gehirn.

Die Rote Bete schmeckte mir. „Wirklich?“, fragte sie.

Schmand, Salz und Mandeln

Ich hatte einen Rote-Bete-Salat zubereitet, nach ihrer Anweisung per Videochat. Es war einfach und schnell und es hatte etwas Rituelles, vielleicht weil die Gummihandschuhe im Nachhinein so aussahen, als hätte ich ein Tier geschlachtet und nicht nur eine Knolle fein gerieben. Vielleicht weil ich alles richtig machen wollte, weil ich wollte, dass der Salat sich zumindest vom Aussehen ihrer Kindheit in der damaligen Sowjetunion näherte. Also machte ich jeden Schritt extra langsam, als würde mein Leben davon abhängen.

Zu der geriebenen Roten Bete fügte ich Mayonnaise, ein bisschen Schmand, Salz und Mandeln hinzu, fertig. Die Mischung mit der halluzinogenen Pink-Lila-Farbe ließ ich einen Tag im Kühlschrank stehen und probierte sie, kurz bevor die „Und?“-Nachricht kam. Ich nahm einen großen Löffel und schloss dabei die Augen, wie vor der Einnahme von Hustensaft. Da geschah es: eine kleine, unerwartete Revolution in meinen Geschmacksnerven. Ein Wunder.

Nicht nur war mir nicht übel, wie bei jedem vorigen Versuch, Rote Bete zu essen, nein: Ich fand sie lecker. Richtig lecker. Ich spürte nur wenig von dieser erdigen Konsistenz mit dem süßen Ton, die mich normalerweise ekelt, und blieb von diesem Rest ungestört.

Eine Mutprobe

Rote Bete nannte ich früher Kryptonit, wie das Mineral aus dem Weltall, das Superman seine Superkräfte nimmt. Das hatte ich ihr einmal bei einem nächtlichen Gespräch erzählt und sie versprach mir: Wenn ich Rote Bete nach ihrem Rezept kosten würde, würde ich meine Meinung für immer ändern.

Mein rotes Kryptonit schwächte mich tatsächlich nicht, ich hatte das Gefühl, es machte mich sogar stärker. Den Salat zu essen war eine Mutprobe, eine Liebeserklärung, aber auch ein Experiment – die Ausgangsfrage einer kleinen persönlichen Recherche: Ich wollte wissen, ob der Rausch des Verliebtseins sogar den Geschmack beeinflussen kann. Ich wollte an das Versprechen und letztendlich an die Liebe glauben. Und nebenbei wollte ich herausfinden: Was ist eigentlich mein Problem mit der Roten Bete?

Hatte ich als Kind eine traumatische Erfahrung damit? Ich durchforschte meine Erinnerungen und konnte nichts finden. Ich erinnerte mich aber, dass meine Schwester bei einer Familienfeier die Fleischstücke, die sie nicht essen wollte, überall im Garten versteckt hatte und diese von mir zufällig am nächsten Tag entdeckt wurden. Meinerseits mochte ich damals nichts, was zu „Gemüse“ zählen könnte.

Ich wollte nur Nudeln essen, ohne Tomatensoße. Und Kekse mit Butter. Der Geschmackssinn aber verändert sich mit der Zeit, heißt es, und ich habe viel in der Kindheit gehasstes Gemüse kochen und lieben gelernt, Aubergine, Zucchini, Fenchel. Die Ausnahme: Rote Bete.

Geschmackssinn der Verliebten

Warum liebte ich sie plötzlich doch? Wissenschaftler im Sensoriklabor des Technologie-Transfer-Zentrums in Bremerhaven haben 2009 einen Test mit Lebensmitteln mit 70 Probanden durchgeführt. Dabei schmeckte die Hälfte der Teilnehmenden, die sich als stark verliebt bezeichnete, schlechter süß und bitter, spürten dafür Saures und Salziges stärker.

Die Erklärung, die die Studie liefert, finde ich kompliziert, doch im Prinzip geht es darum, dass der Körper von Frischverliebten sie von einer Überdosis an „Glückshormonen“ schützen soll. Die Konzentration an Serotonin nimmt ab und ebendas braucht man, um Süßes und Bitteres wahrzunehmen.

Im Internet suchte ich auch nach Ex­per­t*in­nen für Essen und Emotionen und landete auf der Website von Maria Sanchez, einer Therapeutin, die ihre eigene Methode entwickelt hat („Sehnsucht und Hunger“). In ihren Büchern, ihren Vorträgen und auf ihrem Youtube-Kanal erklärt sie, wie man auf die „seelischen Ursachen von Essstörungen beziehungsweise von emotionalem Essverhalten“ kommen kann, um die Probleme, die dahinter stecken, zu entdecken. Bei Sanchez lernte ich eine wichtige Sache: Wenn es eine emotionale Beziehung zum Essen gibt, geht es eigentlich nie um das Essen.

Lob der gesunden Eigenschaften

Dennoch wollte ich auch mehr über Rote Bete als solche erfahren. Natürlich googelte ich also „Rote Bete“ und bekam „ungefähr 19.600.000 Ergebnisse in 0,51 Sekunden“, vor allem Rezepte und Lob ihrer gesunden Eigenschaften. „Die Rote Bete, auch Rote Beete oder Rote Rübe, in der Schweiz Rande, in einigen Teilen Österreichs, Bayerns und Südbadens auch Rahne genannt, ist eine Kulturform der Rübe und gehört zur Familie der Fuchsschwanzgewächse“, stand bei Wikipedia, was ich poetisch fand. Die Website speisekarte.de wiederum zeigte Speisen mit Roter Bete in 520 Speisekarten alleine in Berlin.

Und was jetzt? Sollte ich alle diese Gerichte der Reihe nach probieren?

Der Rote-Bete-Cappuccino

Zunächst traute ich mich, auf dem Wochenmarkt einen „Samurai-Saft“ auf Basis von Roter Bete zu bestellen. Dem Saftverkäufer verriet ich, warum ich mir das antue. Dann kippte ich den Saft, als sei er ein Shot. Er schmeckte frisch und sauer, nach Erde und trotzdem lecker. Der Saftverkäufer nickte mir anerkennend zu. Er habe gelesen, dass Sportler*innen, die regelmäßig Rote Bete zu sich nehmen, mehr Ausdauer haben.

Dass Rote-Bete-Cappuccino ein Trendgetränk der kalten Jahreszeit ist, erfuhr ich im Internet ebenfalls, und mir wurde während des Lesens schlecht. Als Nächstes las ich: „Ein altes ukrainisches Sprichwort warnt: Eine Geschichte, die mit einer Roten Bete anfängt, endet mit dem Teufel“. Das Zitat war die erste negative Erwähnung des vergötterten Gemüses.

So dramatisch wollte ich das nicht betrachten. Doch etwas Banales wie die Herkunft des Borschtschs, der typischen Suppe aus Roter Bete, Fleisch und Weißkohl, kann zur politischen Debatte werden. Polen und Belarus, aber vor allem Russland und die Ukraine reklamieren das Gericht für sich.

Wo ist mein Borschtsch?

Nach dem erfolgreichen Rote-Bete-Salat-Experiment spielten wir eine Weile lang mit dem Gedanken, meine Geschmacksempfindung als Nächstes mit Borschtsch herauszufordern. Sätze wie „Wo ist mein Borschtsch?“ oder „Das ist mein Borschtsch“ hatte ich ohnehin beim Online-Russischkurs, den ich angefangen hatte, ständig wiederholen müssen. Wir lachten immer darüber.

Doch zum Borschtsch kamen wir nicht und werden wir auch nicht mehr kommen. So unerwartet, wie der Sommer vorbei war (hatte er nicht gerade angefangen?), kam auf einmal auch unsere Liebesgeschichte an ihr Ende. Und damit auch meine Recherche.

Borschtsch wäre bestimmt etwas für den Herbst und Winter gewesen. Aber ob ich der Roten Bete eine neue Chance geben kann? Eher nicht. Nicht, weil ich sie nicht mag, sondern, weil sie nur noch nach Sehnsucht schmecken würde.

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