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Lex Colonia in Chile

■ Strafe für Kindesmißbrauch wird reduziert. Zusammenhang mit Colonia Dignidad?

Berlin (taz) – Der chilenische Präsident Eduardo Frei will am Mittwoch seine Unterschrift unter ein vom Parlament bereits verabschiedetes Gesetzespaket zur Veränderung des chilenischen Sexualstrafrechtes setzen. Dadurch würde das Strafmaß für den sexuellen Mißbrauch von Kindern von bislang mindestens zehn auf fünf Jahre gesenkt.

Dieser Schritt könnte einen konkreten Anlaß haben: Gegner der berüchtigten Colonia Dignidad in Südchile vermuten, daß dieser Passus des neuen Gesetzes speziell auf den flüchtigen Chef der Siedlung, Paul Schäfer, zugeschnitten ist. Schäfer wird vorgeworfen, schon seit den sechziger Jahren regelmäßig Jungen in der Colonia mißbraucht zu haben. Seit 1996 auch chilenische Kinder entsprechende Vorwürfe formuliert haben, besteht in Chile ein Haftbefehl gegen Schäfer. Seither ist er untergetaucht.

Die Colonia Dignidad wurde in Chile 1961 gegründet, nachdem der Baptistenprediger Paul Schäfer, der im deutschen Siegburg die „Private Sociale Mission“ gegründet hatte, mit seiner Sekte fliehen mußte, weil gegen ihn Ermittlungen wegen Kindesmißbrauchs liefen.

Wolfgang Kneese, der heute in Hamburg lebt, hat den Mißbrauch am eigenen Leib erfahren, bevor ihm 1966, mit 19 Jahren, als erstem Colonia-Insassen die Flucht gelang. Er geht davon aus, daß das neue Gesetz in Chile auch eine Art Selbstschutz mancher chilenischer Politiker ist. Die nämlich, so erklärte es schon 1997 Jaime Naranjo, der Vizefraktionschef der chilenischen Nationalisten, in einem Interview mit Focus, waren 30 Jahre lang im Rahmen sogenannter Wochenendeinladungen Gäste der Colonia Dignidad. „Ich habe eine Liste der prominenten ,Freunde‘ von Dignidad zusammengestellt. Die große Mehrheit hat eine Sexualveranlagung, die von der Norm abweicht“, sagte Naranjo damals. Sexualkontakte mit Kindern in der Kolonie seien heimlich gefilmt worden, die „Freunde“ damit erpreßbar gemacht, so Naranjos Verdacht.

Inzwischen haben mehrere Menschenrechtsorganisationen Präsident Frei aufgefordert, den betreffenden Artikel des neuen Gesetzes per Veto zu stoppen. Auch Wolfgang Kneese hat aus Hamburg einen entsprechenden Brief an Frei geschrieben.

1966 hatte Kneese, damals noch unter dem Namen Wolfgang Müller, nach seiner Flucht von den Praktiken des Paul Schäfer in der Öffentlichkeit berichtet. Die Colonia ließ Kneese für verrückt erklären und überzog ihn mit Verfahren. Den Namen des damaligen Colonia-Anwaltes hat Wolfgang Kneese nicht vergessen: Luis Ortiz Quiroga.

Um so erstaunter war Kneese, ihn in einem Zeitungsbericht am Freitag wiederzusehen – als Mitglied einer Gruppe von acht chilenischen Strafrechtsexperten, die auf Einladung der chilenischen Regierung den Text des Gesetzentwurfes gegen jede Kritik verteidigten. Bernd Pickert

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