Leben zwischen Deutschland und China: Das Private ist politisch

In Deutschland verteidige ich China, in China Deutschland. Oft muss ich zugeben, dass ich eigentlich nur mich selbst beschützen will.

Auf einer FridaysForFutuere-Demo wird ein Plakat mit der Aufschrift Privat ist Politisch gezeigt

So isses! Foto: Stefan Boness/imago

Irgendwann werde ich geboren und weiß nichts von der Welt. Ich weiß nicht, wer mich da aus dem Spiegel anguckt und schon gar nicht, was Politik bedeutet. Mir darf Politik egal sein und das macht das Leben leicht.

Irgendwann bin ich etwas älter und habe ein bisschen mehr verstanden. Ich weiß, dass Politik in Anzügen und hinter Rednerpulten aufgeführt wird, und ich weiß, dass Erwachsene gern über Politik reden, beim Sonntagsessen zwischen Kasseler und Gott. Mir dürfen die Anzugleute egal sein, aber ich soll jetzt immer öfter Deutschen China erklären und Chinesen Deutschland und das macht das Leben ab und zu etwas schwerer.

Irgendwann gehe ich zur Uni, hefte komplizierte Texte ab und lese: Das Private ist politisch. Ich gehe auf WG-Parties. „Das Private ist politisch“, sagt ein rauchender SoWi-Student mit Paillettenweste. Er ist im Kapitalismus aufgewachsen, also wünscht er sich Sozialismus. Wir nicken, ohne wirklich verstanden zu haben. Ich will dazugehören. Das Abheften komplizierter Texte macht mich überheblich, alles ist politisch: Der Kühlschrank der Eltern, der Akt des Fernsehens. Ma geht niemals wählen und ich empöre mich, ohne wirklich verstanden zu haben. Ma ist im Sozialismus aufgewachsen und wünscht sich, jetzt in Ruhe gelassen zu werden. Ein Studi-Kind will Demokratie erklären und das macht das Leben schwer.

Irgendwann überfliege ich neue Visaregeln, Kategorie Q1: Familienbesuch. Zweimalige Einreise (gültig drei Monate) für 125,45 Euro. Man muss jetzt bei der Antragsstellung bezahlen und wenn das Visum nicht gewährt wird, gibt es kein Geld zurück. Das Private ist politisch und vom Umtausch ausgeschlossen. Ich lebe seit fast 30 Jahren in einer Fernfamilienbeziehung und sehne mich nach unpolitischer Privatheit. Irgendwann fragt jemand: „Was hat dich politisiert?“, und ich sage: „Vielleicht Chemnitz.“

Ich will kein Opfer sein

Ich sage nicht, dass meine Existenz qua Geburt ein Politikum ist. East meets West, ein echtes Joint Venture, ich hab mir das nicht ausgesucht. Ich will mich nicht zu wichtig nehmen, und schon gar nicht will ich ein Opfer sein – mein Leben ist ja ein sehr gutes, also sage ich: Chemnitz. Trotzdem bin ich nicht nur, wer ich sein will, sondern auch, wen ihr aus mir macht.

Das merke ich bei jeder schlechten Schlagzeile über ein Land, das gar nicht meins ist. In Deutschland verteidige ich China, in China Deutschland. Oft muss ich zugeben, dass ich eigentlich nur mich selbst beschützen will.

Deutschland macht Menschen lieber anders, als gleich. Zu viel „Du musst so werden, wie wir längst sind“, zu wenig „Wir können gemeinsam etwas Neues werden“. Wenn wir uns endlich selbst im Anderen finden, Allianzen bilden und uns Räume nehmen, dann kreischt es „Identitätspolitik“. Politik, schon wieder. Wir sind im Kapitalismus, im Patriarchat und im Rassismus aufgewachsen und das macht das Leben schwer. Hört auf zu nicken, ohne wirklich verstanden zu haben.

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Redakteurin der taz am wochenende. Studierte Asienwissenschaften und Stadtforschung in Berlin und Hangzhou. Schreibt alle 14 Tage die Kolumne Chinatown für taz2.

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