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Leben auf Knopfdruck

Bislang war ich kein Fan des ­Miniatur Wunderlands. Ich habe mir die Ausstellung in Hamburg vor vielen Jahren ein Mal kurz angeschaut und fand sie langweilig und erschlagend. Umso erstaunlicher erscheinen mir die Be­sucher:innenzahlen: Pro Jahr kommen bis zu 1,5 Millionen Menschen. Das Miniatur Wunderland feiert seinen 25. Geburtstag, es ist ein voller Erfolg. Und ich frage mich: Was finden die Leute bloß daran?

Praktisch gesprochen finden sie einen Eingang im zweiten Stock eines roten Klinkerbaus in der Speicherstadt und dahinter eine Menge Superlative: die größte Modelleisenbahnanlage der Welt mit 16.500 Meter Schienen, 11.000 Fahrzeugen und 290.000 Figuren, jede so klein wie ein halber Daumen.

Gegründet hat das Miniatur Wunderland Frederik Braun, ehemals Diskothekenbetreiber, mit seinem Zwillingsbruder, seinem Vater und dem Mitbetreiber der Disco. Das klingt männerlastig, wie auch die Superlative männermäßig und nischig wirken. Es heißt, dass die Gründer das Ganze Miniatur Wunderland genannt haben, damit es auch Frauen anzieht. Guckt man sich um, dann ist die Rechnung aufgegangen. Es laufen mindestens so viele Frauen wie Männer herum.

Angefangen hat das Miniatur Wunderland mit der Fantasiestadt Knuffingen, Mitteldeutschland und Österreich, dann kam Hamburg. Anschließend griff es immer weiter aus: Italien, Monaco, die USA, Skandinavien. Bald eröffnet der Amazonas. Das Mi­nia­tur Wunderland ist wie Gott. Es erschafft die Welt, nur dass es länger dazu braucht.

Der Pressemensch ist geduldig, er trägt die vorhersehbaren Fragen einer taz-Redakteurin mit Fassung: Zeigt das Wunderland die Regenwaldzerstörung? Aber ja, es gibt einen Waldbrand, auf Knopfdruck. Sind die Figuren in den 25 Jahren diverser geworden? Dazu kann er nichts Genaues sagen, verweist aber auf die E-Autos, die durch das Miniaturhamburg fahren. Gibt es Kli­ma­k­le­ber:in­nen am Flughafen? Nein. Oder eigentlich doch: „Alle unsere Figuren kleben.“

Das Miniatur Wunderland hat auch einen Tag geschaffen, der 14 Minuten währt, dann wird es dunkel, und unfassbar viele kleine Lichter gehen an. Ich glaube, dass es das ist: die beruhigende Überschaubarkeit einer Welt, in der man wie Gulliver die Zwerge betrachten kann, in der man den Überblick hat und zugleich die Virtuosität der Bau­meis­ter:in­nen würdigen kann.

Das mit dem Wunder stimmt schon, das muss ich spätestens in der Schweiz zugeben. Sie ist ein Kunstwerk, ein riesiger Bergblock, in dem man herumgehen kann – „wow!“, sagt eine Frau in Rosa, die gerade davorsteht –, mit filigranen Seilbahnen über mehrere Etagen und Almidyllen und Bergwerken, die als kleine Aussparungen in den Fels gebaut sind.

Die Welt im Miniatur Wunderland ist schön und weitgehend friedlich. Man kann das Leben auf Knopfdruck in Gang bringen: „Romeo und Julia“ auf der Freilichtbühne, ein Bungeespringer, ein ermatteter Büromann, auf den ein Regal stürzt. Es gibt Witz auch im Modellbau, und wer sucht, kann das Schneewittchen und die sieben Zwerge in der Bergspalte finden, die winzige Greta Thunberg in Skandinavien und den pinkelnden Polizisten im Erdgeschoss eines Büroturms.

Im Miniatur Wunderland schauen sich die Menschen in gewisser Weise selbst zu, und sie nehmen sich dafür mehr Zeit als die Trophäen­suchbesucherschaft in den großen Kunstmuseen. Sie sammeln kein kulturelles Kapital. Sie staunen einfach über eine weitgehend analoge Welt, über Badewannen, Seilbahnen und Wälder, und das ist rührend, weil man so etwas selten sieht. Schau mal!, sagen sie zu ihren Kindern, Partnern, Enkeln. Und die schauen tatsächlich. Friederike Gräff

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