Kunsttipps der Woche: Mit taxonomischer Beflissenheit

Kunst inspiriert von feministischen Vorreiter:innen, Kunst inspiriert vom biographischen Gedächtnis und Kunst inspiriert von der Industrie.

Vier Skupturen aus hellen und dunklen Holzstäben, die in runden Formationen angeordnet sind, im Austellungsraum von Scherben Berlin

Markues und Michaela Meise, „Your Horizon Has Limits Even Holes“, 2021, Installationsansicht Foto: ©/Courtesy die Künst­le­r:in­nen und Scherben, Berlin

Mit der Gewissheit ohne Gewissheit zu sein, bewegen wir uns derzeit durch den pandemischen Alltag. Solch ein Zustand der Diffusität kommt auch im neuen Projektraum Scherben auf. Nicht nur, weil sich ab und an ganz unbemerkt ein Nebel zwischen die Arbeiten von Markues und Michaela Meise verteilt, so dass zwischenzeitig der Boden unter den Füßen zu verschwinden scheint.

Michaela Meise kehrt ein architektonisches und gleichsam patriarchales Sinnbild für Stabilität, die Säule, in ein fragiles Arrangement aus Holzstangen um. Mit den „Trans Columns“ arbeitete Meise bereits 2009 auf ihre so eigene, konzentrierte Art ein Symbol für die damalige Finanzkrise heraus. Markues hingegen zeigt eine Reihe Aquarelle der letzten Jahre, auf denen Zitate aus Liedern, Slogans und Theorie zwischen dünn mäandernden Farbflächen zerfließen, unklar ob sie Worte oder Bilder sind.

Darunter auch jenes metaphorische Zitat der Psychoanalytikerin und Philosophin Luce Irigaray „Your horizon has limits even holes“, das zum Titel der Ausstellung geworden ist. Luce Irigaray – auch auf einem kleinen Portrait Meises im Raum zu entdecken – vertritt aus feministischer Perspektive die Besonderheit jedes Individuums, das sie aber nicht als vereinzelt versteht, sondern als stets in gemeinschaftlicher Verbindung zu anderen.

Und so rücken Markues und Michaela Meise ihre jeweilige Hinterfragung von Gewissheiten nicht nur unter das nebulöse Licht der jetzigen Pandemie, sondern appellieren auch mit Irigaray, dass in der Vieldeutigkeit die Möglichkeit von Gemeinschaft liegt.

Scherben: Markues und Michaela Meise, “Our Horizon has Limits Even Holes“. Bis 28. November, Fr.–So. 11–18 Uhr, Leipziger Str. 61

Tanya Leighton: Matthew Krishanu, “Arrow and Pulpit“. Bis 18. Dezember, Di.–Sa. 11–18 Uhr, Kurfürstenstr. 156

Stations: Nadim Vardag, „Promo“. Bis 8. Januar, Sa. & So. 14–18 Uhr, Adalbertstr. 4 (Aufgang 1. OG / Café Kotti)

Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan und immer Mittwochs und Freitags in der Printausgabe der taz.

Im biographischen Gedächtnis

Warum schauen wir uns immer wieder Filme, Bücher und Bilder von der Kindheit anderer an? Vielleicht weil sie das eigene biografische Gedächtnis wachrufen können und das Nachdenken darüber, wie wir als Subjekte entstehen.

Matthew Krishanu malt Erinnerungen aus seiner Kindheit. Als öffnete er ein verstaubtes Familienalbum, breitet er auf seinen Malereien in der Galerie Tanya Leighton Ausschnitte aus seinem Leben als kleiner Junge aus: auf Reisen mit dem Onkel, im Türrahmen stehend mit seinem Bruder, reitend auf einem Esel und spielend mit Pfeil und Bogen. Diese Szenen übersetzte er aus dem Gedächtnis und von tatsächlichen Fotografien in eine flächige, farbintensive, geradezu schablonenhafte Figürlichkeit, sodass letztlich die subjektive Erinnerung zu einer distanzierten Abbildung wird.

Und so erzählt er, der Sohn einer bengalisch-indischen Mutter und eines englischen Priesters, mit dieser entpersonalisierten Darstellung die Geschichte seiner Ich-Werdung. Einer Ich-Werdung in Südasien, in einer streng christlichen Umgebung, wo über dem Bett ein Gemälde vom Abendmahl wacht und der Alltag einem strikten Ritual folgt.

Eine schön anzusehende und doch verstummte Malerei über die Suche nach der eigenen Kindheit. Eine, die derart reduziert ist, dass Personen und Objekte den gleichen Rang einnehmen. Dabei sind diese christlichen Objekte, dort in Südasien, zugleich Hinterlassenschaften eines europäischen Imperialismus.

Industrie-Paintings und die eigene Hand

Metallene Industrieprodukte hängt Nadim Vardag in einem strengen Raster an die Wände des Projektraum Stations. Gebürstet, poliert und geschliffen arrangiert er die Gegenstände aus Aluminium oder Eisen in einer Art taxonomischen Beflissenheit. Zumeist sind es Rahmen für Werbeplakate an Bushaltestellen oder in Cafés, die er aufmontiert und mit neuen komplexen Schrauben versieht. Manchmal legt er Bilder hinein, so etwas wie Industrie-Paintings aus Metalltextilien, aber auch mühselig von eigener Hand gefertigte Kaltnadelradierungen mit filigranen Mustern.

Und bei beiden Gegenstandsarten, dem Industrieprodukt und dem vom Künstler selber ausgeführten Bild, kann man sich für die Präzision des Materials und die geistige Verdichtung, die sich hinter einem Objekt wie einer Schraube verbirgt, begeistern. Da befindet man sich aber auch schon an der etwas beängstigenden Schwelle, von der Arbeit der Maschine und der des Künstlers gleichsam ästhetisch berührt zu sein.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de