Kunsthallenleiter zu Mode aus den 80ern: „Mugler gab Frauen Maschinenkraft“

Der Designer Thierry Mugler prägte den Look, der Frauen breite Schultern gab. Roger Diederen von der Kunsthalle München freut sich auf die Schau.

Ausschnitt von Ellen von Unwerths Aufnahme der Mugler-Kollektion Les Cow-boys, 1992 Foto: Kunsthalle München

taz: Herr Diederen, Sie sind mit einem Tusch ins Kunstjahr 2020 gestartet: eine Show über das Kunstverständnis des französischen Modedesigners Thierry Mugler. Nun ist Ihr Museum mit unausgepackten Kisten vollgestellt. Wie groß ist die Enttäuschung?

Roger Diederen: Unsere Vorfreude ist riesig. Muglers Couture ist atemberaubend. Wann hat man schon die Chance, seine Kreationen aus der Nähe zu bewundern, wenn man nicht zu Modeschauen eingeladen wird – und selbst da rauschen sie nur an einem vorbei. Noch müssen wir abwarten, was möglich sein wird, wenn die Museen wieder öffnen. Auch sitzt die Leiterin des Thierry-Mugler-Archivs in Paris und darf noch nicht anreisen. Aber wir stehen in den Startlöchern – und könnten binnen zwei Tagen die Türen öffnen.

Sie haben bereits Jean-Paul Gaultier ausgestellt, also Mode rund um Punk, Grunge, Ringelshirts zu Schottenkilts und meterhohen Irokesenschnitten. Wann gehört Mode ins Museum?

Mode ist ein wesentlicher Spiegel jener Zeit, in der sie kreiert wird – etwa bei Gaultier, der wichtige Gesellschaftsthemen in seiner Couture angesprochen hat. Bei Mugler ist dies auch der Fall. Er prägte maßgeblich den Look der achtziger und neunziger Jahre, der der Frau mit breiten Schultern ein neues Auftreten gegeben hat. Dies und seine Robot-Couture, inspiriert von Filmen von Fritz Lang sind wegweisend: Auch heute beschäftigen wir uns mit künstlicher Intelligenz, mit dem Verhältnis von Maschinen und Menschen. Muglers Entwürfe haben das Zeitbild gelenkt und mitbestimmt.

Thierry Mugler hat in den neunziger Jahren einen neuen Frauentyp entworfen: Er verknüpft Sexappeal mit offensivem weiblichem Machtbewusstsein und beruflichem Erfolg. Sie sprechen von Robot-Couture – andere nannten seine Kreationen aus Latex und anderen Fetischstoffen „Sex Couture“.

Thierry Mugler. Couturissime, läuft bis zum 30. August in der Kunsthalle München. Der bei Abrams Books, New York, erschienenen Katalog koster 75,- Euro.

Mugler ist der Erste, der dies so auf den Punkt gebracht hat. Es war ihm ein Anliegen, Frauen eine maschinelle Kraft zu geben und damit auch eine Stärke darzustellen. Sexuelle Interpretationen sind dann eine individuelle Hinzufügung des Betrachters. Muglers Kreationen sind für die popkulturelle Szene gemacht. Ich denke nicht, dass er sich vorgestellt hat, dass man dies im Alltag trägt.

Die feministische Kunsthistorikerin Linda Nochlin schrieb über Mugler: „Er ist so extrem, dass diese Frauen keine Sexobjekte sind, sondern Sexsubjekte.“ So progressiv dies damals sicher war: Sind wir da nicht schon wieder einen Schritt weiter? Wie vermitteln Sie die Kreationen heutigen Betrachtern, die sexuelle Bemächtigungsfantasien – egal ob von Männern oder Frauen – einfach nur ermüdend finden?

Ach, dieses Verständnis ist schon immer noch aktuell. Auch eine Lady Gaga greift solche Themen auf. Es ist keine Idee, die schon überholt wäre. Aber, sicherlich: Die Schau stellt einen Überblick dar über eine Epoche – und die Entwicklung zeigen zu können stellt eine Chance dar.

1965 in den Niederlande geboren, ist Kunsthistoriker, mit Schwerpunkt niederländische Kunst des 17. Jahrhunderts und Kunst des 19. Jahrhunderts. Seit 2013 ist er Direktor der Kunsthalle München. Davor war Kurator an verschiedenen Museen und Kunsthallen.

Mugler hat sich selbst physisch stark verändert. Sein Alter ist nicht bekannt.

Ja, das wüssten wir selbst gern. In zahlreichen Operationen hat Mugler sein eigenes Bild, seine eigene Aura kreiert. Auch bei Karl Lagerfeld war das genaue Alter unbekannt. Das Divenhafte des Couturiers!

Ist Thierry Mugler, radikaler als Karl Lagerfeld, eine Kunstfigur?

Mugler hat heute ein völlig anderes Aussehen als auf Fotos von vor zwanzig Jahren. Mittels Schönheitsoperationen wollte er erkennbar einen ganz neuen Look kreieren. Da geht es erkennbar um viel mehr als nur um die Beseitigung von ein paar Falten. Er sieht deutlich anders aus.

Die Münchner Kunsthalle liegt in der Münchner Altstadt, in direkter Nähe zu Modelabels wie Prada und Gucci. Erreichen Sie dadurch ein anderes Publikum?

Wir zeigen ein breites Themenspektrum, von Archäologie bis Gegenwart. Mode hat die Berechtigung, neben den großen Themen der Kulturgeschichte präsentiert zu werden. Dass in unserer Nachbarschaft Mode verkauft wird, ist da eher Zufall. Der historische Rückblick ist für uns entscheidend: Was war das damals, was hat es so besonders gemacht? Die Marke Mugler gibt es noch, doch ist sie viel weniger präsent als in den achtziger und neunziger Jahren. Mich als Ausstellungsmacher reizt, wie ich diese Kreationen aus der zeitlichen Distanz neu bewerten kann. Heute können wir Abstand nehmen von dieser Zeit, die manche vielleicht noch frisch in Erinnerung haben, und sie anders beurteilen. Dies war auch unser Ansatz bei Gaultier, und dies ist der Mehrwert.

Durch die aktuelle Situation dürfte dieser Abstand ja noch größer geworden sein: Corona hat die ganze Welt verändert. Corona hat das Konsumverhalten verändert. Hat Corona auch Ihr Verständnis von Kunst und Ihren Blick auf diese Schau verändert?

Wir sind unerwartet auf uns selbst zurückgeworfen worden. Wir gehen in uns, fragen, was in dieser Welt noch wichtig ist. Kunst konsumieren zu können war in dieser Zeit ein Genuss. Ich hoffe und gehe davon aus, dass Menschen es nach dieser Zeit noch mehr zu schätzen wissen, dass man sich mit diesen Dingen auseinandersetzen kann. Wir haben versucht, ein Onlineangebot zu bieten – unsere Faust-Ausstellung etwa haben wir mit großem Aufwand digital für die Nachwelt zugänglich gemacht –, doch die Begegnung mit dem originalen Objekt, dem Material, ist online nicht zu vermitteln. Umso größer ist der Wunsch nach einem Dialog vor dem Kunstwerk. Das hat uns diese Pause gezeigt.

Angesichts der Grenzen der Digitalisierung: Was genau macht den Dialog vor dem Kunstwerk so unersetzlich?

Als Ausstellungsmacher setzen wir Werke in Dialog, wie sie in einer ständigen Sammlung nicht zu sehen sind: Ein Werk neben ein anderes, mit einer bestimmten Überlegung, oder Leihgaben, die sonst nicht zusammen zu sehen sind. Das Format, der Rahmen, die Materialität – das sind sensorische Elemente, die man wirklich nur vor Ort erleben kann. Und diese Möglichkeit gibt es digital nur begrenzt. Es ist toll, wenn ich online Elemente vergrößern und die Pinselstriche gut erkennen kann, aber die Präsentation, die Gestaltung und die Erfahrung, durch ein Thema durchgeführt zu werden, kann man am besten vor dem Original erleben.

Sie geraten mit der Schau nun in eine Zeit kurz nach einer gesellschaftlichen Krise. Die Lebenslust wird Prognosen zufolge aufleben, die Konsumkultur aber auch noch kritischer hinterfragt werden – und die synthetischen, nicht gerade nachhaltigen Stoffe, die Mugler bevorzugt verwendet, sowieso.

Vollkommen richtig. Das heutige Bewusstsein über Konsumverhalten und Umweltschäden gab es in den 1980er Jahren nicht. Vor zwanzig Jahren war Klimaschutz leider noch kein so großes Thema. Die heutige Modeindustrie muss sich überlegen, ob es so weitergehen kann, und muss sich komplett neu aufstellen, was einen historischen Rückblick umso spannender macht.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben