Kulturkampf in Frankreich: Ein Bürgermeister streicht ein Stück vom Theaterspielplan
Im südfranzösischen Castres regiert seit März die extreme Rechte. Ihr Bürgermeister lässt nun ein Stück über die Nöte eines Migranten vom Theaterspielplan streichen.
Kulturkampf findet in Frankreich auf kommunaler Ebene statt. Nachrichten von abgesagten Festivals und gestrichenen Finanzierungen mehren sich von dort, wo die Rechten im März die Rathäuser erobert haben. Immerhin 80 Städte mit über 10.000 Einwohner*innen sind mittlerweile in den Händen der Extremisten des Rassemblement National (RN). Und anders als in Deutschland liegt die Hoheit übers kulturelle Programm in Frankreich unmittelbar bei Bürgermeister und Stadtrat.
Ins Zentrum dieses Kampfs geschleudert wurde nun Alexis Michalik, der gegenwärtig erfolgreichste Dramatiker Frankreichs. Die FAZ hatte vor drei Jahren vermutet, er sei „der Theaterliebling der Rechten“. Das aber sieht Florian Azéma, neuer Bürgermeister von Castres im Pyrenäenvorland, ganz anders. Azéma, 29, und ein Rising Star des RN, hat Michaliks Stück „Passeport“ vom Stadttheater-Spielplan der kommenden Saison gestrichen. Warum? „Wir hatten das Recht dazu“, so die kaltschnäuzige Begründung. Einen Vertrag habe es nie gegeben, ließ er gestern wissen.
Na ja. Der französische Code Civil kennt selbstverständlich auch mündliche Verträge. Laut Michalik waren die Aufführungen auch fest gebucht, genehmigt und mit Terminen im Februar im Spielplan verankert gewesen. „Sie standen sogar im Spielzeitheft, das öffentlich vorgestellt wurde.“ Das könnte als Beweis reichen.
Wichtiger ist die inhaltliche Dimension: Denn es geht klar darum, das Thema Migration von der Bühne zu verbannen – jedenfalls in einer optimistisch-märchenhaften Sichtweise, wie Michalik sie für „Passeport“ gewählt hat. Sein Protagonist ist ein Geflüchteter aus Eritrea, der, halbtot geschlagen und ohne Gedächtnis, am Rande der Refugé-Camps von Calais aufgefunden wird. Sein Pass weist ihn als Issa aus.
Begleitet von einem tamilischen und einem syrischen Geflüchteten, unterstützt von einem Schwarzen Polizisten, bemüht er sich mit diesem Identitätsrest um eine Aufenthaltsgenehmigung. Das schrammt am Kitsch nicht immer vorbei, aber vielleicht bringt gerade die leichte Zugänglichkeit dieses 2024 uraufgeführten Zeitstücks die Rechten auf die Palme. Seit zwei Jahren füllt es den Saal des Pariser Théâtre de la Renaissance, aber 7 von dessen üblichen 50 Tourneestationen winkten mit Blick auf die anstehenden Kommunalwahlen bei „Passeport“ ab.
Diese Absagen waren noch ausdrücklich damit begründet worden, dass es eine „unnötige Polemik“ verursachen könnte und zudem „das Thema Einwanderung instrumentalisiere“. Das ist bemerkenswert, denn unter diesem Vorwand ließen sich auch andere Werke verbannen – angefangen mit Aischylos Geflüchteten-Drama „Die Schutzflehenden“, der ältesten überlieferten Tragödie. Insofern stimmt, was Michalik postet: „Alle Künstler und Dramaturgen könnte schon morgen dasselbe Los treffen“.
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