Kriminalität und Gewalt in Berlin: Vom Internet auf die Straße
Taten junger Neonazis sorgen für einen Anstieg rechter Gewalt in der Polizeistatistik. Die zeigt außerdem einen Rückgang von Messerangriffen in Verbotszonen.
Die Berliner Polizei hat im vergangenen Jahr 133 rechtsextreme Gewalttaten registriert – 43 mehr als noch 2024. Das geht aus der aktuellen Kriminalstatistik hervor, die Berlins Innensenatorin Iris Spranger gemeinsam mit Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel am Mittwoch vorgestellt hat. Bei 116 der 133 Gewalttaten handelte es sich demnach um Körperverletzungen.
Hinter dem Anstieg stehen laut Spranger Taten sogenannter aktionsorientierter rechter Jugendlicher. „Nachdem wir 2024 entsprechende Aktivitäten im Internet beobachtet hatten, verlagerten sich diese zunehmend in den öffentlichen Raum“, sagte die SPD-Politikerin. „Teilweise kam es zu gezielten gewalttätigen Angriffen auf Einzelpersonen“. Dazu zählt etwa der Überfall auf zwei junge Journalist*innen am Bahnhof Ostkreuz im August 2025.
Zugleich gab es der Statistik zufolge auch deutlich mehr linke Gewalt. Hier sind die Fallzahlen um 75 Prozent auf 237 Taten gestiegen – davon entfallen 143 Fälle auf Landfriedensbruch und Widerstandshandlungen, die Zahl der Körperverletzungen lag bei 66. Ursache für den deutlichen Anstieg seien, so Spranger, häufigere Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner: „Dem Berliner Senat ist das Gefährdungspotenzial durch gewaltbereiten Linksextremismus bewusst – das gilt auch für den militanten Antifaschismus.“
Ein ähnlich düsteres Bild zeichnete Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel bei den Themen Antisemitismus und Nahostkonflikt. „Wir haben die höchste Fallzahl an antisemitischen Taten seit zehn Jahren“, warnte sie. Rund die Hälfte der 2.268 registrierten Fälle waren demnach Propagandadelikte – wozu auch umstrittene Parolen und Plakate zählen. Die Zahl der antisemitischen Gewalttaten ging derweil leicht zurück und lag bei 64. Von den 431 Gewalttaten im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt handelt es sich bei einem großen Teil – wie auch schon in der Vergangenheit -um Widerstandshandlungen gegen Polizist*innen im Zuge von Festnahmen bei Demonstrationen.
Eigenlob und salbungsvolle Worte
Mit Blick auf die Gesamtstatistik sprach Slowik Meisel am Mittwoch von einer „grundsätzlich sehr erfreulichen Entwicklung“. Die Zahl aller in Berlin registrierten Straftaten ist im vergangenen Jahr um rund 36.000 Fälle – etwa 7 Prozent – auf 503.000 Fälle gesunken. Das sei der niedrigste Stand seit mehr als zehn Jahren, wenn man das Pandemiejahr 2021 herausrechne, freute sich auch Spranger. „Sicherheit ist kein Wunsch, sondern ein Versprechen“, tat sie kund.
Wie gezählt wird Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst nur jene Straftaten, die die Polizei innerhalb eines Jahres registriert und bearbeitet hat. Die Zahlen bilden somit nur das sogenannte Hellfeld ab – und sagen auch nichts darüber aus, ob sich der Tatverdacht bewahrheitet hat und es zu einer Verurteilung gekommen ist.
Was daraus folgt Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Taten wie Morde, Überfälle sowie Einbrüche werden in der Regel angezeigt und deshalb erfasst. Bei häuslicher Gewalt oder Belästigungen ist das Dunkelfeld hingegen groß. Bei Delikten wie Drogenkriminalität schwanken die Fallzahlen je nach Umfang der Kontrollen. (taz)
Entwicklungen in einzelnen Kategorien beeinflussen die Statistik dabei stark. Zum Beispiel entfiel der größte Rückgang auf die Rubrik „Straftaten gegen das Aufenthaltsrecht“. Hier wurden 10.000 Fälle weniger gemeldet als noch 2024, was unter anderem daran liegt, dass in Berlin deutlich weniger Geflüchtete ankommen, die dann etwa keine gültigen Papiere vorweisen können. Auch beim Fahrraddiebstahl gab es ein deutliches Minus um rund 4.500 Fälle.
Trotz eines leichten Anstiegs wollen Spranger und Slowik Meisel auch positive Entwicklungen im Bereich der Messerkriminalität erkennen. Zwar wurden 2025 fast 3.600 Messerangriffe – Bedrohungen und tatsächliche Attacken – gezählt, die Hälfte davon im öffentlichen Raum. In den drei Messerverbotszonen, die im Februar 2025 eingerichtet wurden, seien die Zahlen jedoch um 25 bis 45 Prozent gesunken, betonte die Innensenatorin.
In der politischen Debatte haben die vielen Schießereien zuletzt das bisherige Aufregerthema Messerkriminalität verdrängt. 515 Mal wurde 2025 in Berlin geschossen, allerdings selten mit scharfer Munition. Im Vorjahr waren es noch 363 Fälle – und schon da war Berlin im bundesweiten Vergleich das Land mit den meisten Schüssen im Verhältnis zur Bevölkerung.
„Ein klares Warnsignal“ sieht Spranger in dieser Entwicklung. Sie setze sich deshalb auf Bundesebene für eine Verschärfung des Waffengesetzes ein, betonte sie. Unter anderem soll illegaler Schusswaffenbesitz nicht mehr als Vergehen, sondern als Verbrechen geahndet werden. Und Personen, bei denen eine illegale Waffe gefunden wurde, sollen nach dem Willen von Spranger künftig telefonisch überwacht werden dürfen, um den Handel einzudämmen.
Gollaleh Ahmadi, Grüne
Unterdessen hat die Polizei auch mehr Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung erfasst. Beispielsweise gab es mehr Anzeigen wegen Vergewaltigung und Nötigung sowie wegen sexueller Belästigung. Auch die Zahl der Betroffenen von Gewaltdelikten in Partnerschaft und Familie ist angestiegen um rund 5 Prozent auf 20.000 – davon 14.000 Frauen.
Von alarmierenden Zahlen sprach die Grünen-Innenpolitikerin Gollaleh Ahmadi am Mittwoch in einem Statement. „Ein großer Teil dieser Taten findet im privaten Umfeld statt“, sagte Ahmadi. Innere Sicherheit beginne deshalb auch im digitalen Raum und im eigenen Zuhause. „Wir müssen den Opferschutz stärken, Frauenhäuser ausbauen und Polizei sowie soziale Einrichtungen besser vernetzen“, forderte die Grünen-Abgeordnete.
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