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Kriegsgewinner IranDie im Schatten sieht man nicht

Iran erwirtschaftet so viel Geld wie nie. Die Ölexporte haben sich verdoppelt. Und die Maut für die Straße von Hormus verspricht neue Einnahmen.

Unterstützer der iranischen Regierung in Teheran: täglich dreistellige Millioneneinnahmen durch Ölexporte Foto: Vahid Salemi/AP/dpa

Es klingt angesichts der täglichen Zerstörungen durch Luftschläge und Bomberangriffen paradox: Aber Iran ist bisher der große Kriegsgewinnler im nun schon die fünfte Woche andauernden dritten Golfkrieg. Das Mullahregime in Teheran verkauft seit dem Kriegsbeginn am 28. Februar so viel Rohöl und Treibstoff wie seit Jahren nicht mehr. Hinzu kommt eine vollkommen neue Einnahmequelle: Transitgebühren für eine freie Passage durch die Straße von Hormus.

Etwa 2,5 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte soll Teheran inzwischen täglich außer Landes verkaufen, sagt ein Ölexperte, der lange in Iran gelebt hat, nun aber außer Landes ist und seinen Namen nicht in der Zeitung sehen möchte. Der britische Economist berichtet sogar von Exporten in Höhe von bis zu 2,8 Millionen Barrel (je 159 Liter) pro Tag. 1,5 bis 1,8 Millionen Barrel davon seien Rohöl, der Rest Benzin, Diesel, Kerosin und andere raffinierte Ölprodukte.

Das wäre mengenmäßig und auch an den Preisen gemessen eine Verdoppelung der iranischen Ölexporte. Diese waren in den letzten Jahren aufgrund der von US-Präsident Donald Trump in seiner ersten Amtszeit verhängten Sanktionen stark geschrumpft. „Das Regime gewinnt den Energiekrieg“, bilanziert der Economist als Zwischenergebnis der Militäroperation „Epische Wut“.

Offizielle Zahlen, die das bestätigen, gibt es nicht, verlässliche Fachmedien wie iranoilgas.com publizieren seit Kriegsbeginn nicht mehr. Aber es gibt Menschen, die lange in der persischen Energiebranche gearbeitet haben und noch gut vernetzt sind, auch wenn sie Iran freiwillig oder unfreiwillig verlassen haben. Sie berichten von täglich dreistelligen Millioneneinnahmen für die Ölexporte. Denn inzwischen kommt der volle Ölpreis in Irans Kassen – oder in die Kassen der Revolutionsgarden, die den Großteil der Ölausfuhren kontrollieren.

Teurer als Nordsee-Öl Brent

Vor Kriegsausbruch konnte Teheran seit den Trump-I-Sanktionen zumeist nur nach China exportieren oder Heizöl nach Venezuela. Oder es wurde auf verschlungenen Wegen mit einer Schattenflotte alter Tanker mit ausgeschalteten Automatic-Identification-System-Transpondern auf den Schiffen geschmuggelt. Dabei mussten iranische Verkäufer erhebliche Preisabschläge für die sanktionierte Ölsorte Iranian Light gewähren. Das sei angesichts der aktuellen Mangellage vorbei, berichten Insider nun. Iran bekomme inzwischen sogar etwas mehr, als die Nordsee-Sorte Brent kostet (aktuell gut 115 US-Dollar pro Barrel). Gekauft wird es zu 90 Prozent von zumeist kleineren chinesischen Raffinerien.

Das Geld lande dabei nicht zwangsläufig in der Staatskasse. Vielmehr liefere der Staatsölkonzern NIOC Öl in großen Mengen an die Revolutionsgarden, die direkt dem Obersten Religions- und Revolutionsführer unterstellte Parallelarmee, an religiöse schiitische Stiftungen oder dubiose Geschäftsleute, die eng mit dem Regime verbandelt sind. Darunter soll seit Jahren auch der seit dem tödlichen Luftschlag gegen seinen Vater Ajatollah Ali Chamenei zum Obersten Führer aufgerückte Sohn Modschtaba sein. Aber auch Söhne anderer mächtiger Funktionäre der Theokratie.

Im Zentrum: Charg

90 Prozent des Öls werden von der etwa 25 Kilometer vor der iranischen Küste im Persischen Golf gelegenen Insel Charg auf Tanker verladen. Von der Insel, die kaum größer ist als das friesische Amrum, werden sie von Schnellbooten der Revolutionsgarden durch die Straße von Hormus eskortiert.

Schiffe anderer Nationen allerdings nur, wenn sie eine „Transitgebühr“ an Iran zahlen: 2 Millionen US-Dollar sollen es pro Tanker oder Containerschiff sein, berichtete der arabische Satellitensender Al Jazeera. So komme Iran auf 60 Milliarden Dollar Einnahmen jährlich, hat Hossein Raghfar, Universitätsprofessor und Wirtschaftsanalyst, errechnet. „Heute haben sich die Rollen von Sanktionsverhängern und Sanktionsempfängern vertauscht. Unser Land verfügt nun über ein sehr mächtiges Instrument, nämlich die Kontrolle über die Straße von Hormus“, sagte Raghfar der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim. Die Revolutionsgarden hätten die volle Kontrolle über die Meerenge.

Trump droht indes immer wieder, wenn Iran keine freie Passage durch die Straße von Hormus gewähre, die iranische Energieinfrastruktur anzugreifen. Zugleich hatte er bestehende Sanktionen ausgesetzt für den Verkauf der auf 150 Millionen geschätzten Barrel, die sich bereits in schwimmenden Tanks auf See befinden.

Doch neben dem Verkauf dieser Menge, greifen die Garden auch auf alle erdenklichen Tricks zurück: Sie stehlen die Identitätsdaten anderer Schiffe, fälschen Dokumente und täuschen ihre Position vor – um die iranische Herkunft ihrer Ladung zu verschleiern. Die meisten Tanker der persischen Schattenflotte laden ihre Fracht auf hoher See vor der Küste Malaysias oder Singapurs auf seriös aussehende Schiffe um, die die letzte Etappe übernehmen.

Das Ölgeld kommt über ein System verschachtelter Schattenbanken nach Iran. Wurden früher oft Finanzinstitute in Dubai dafür genutzt, heute laufen die verschleierten Zahlungen laut Economist nun über Hongkong, Kasachstan, die Türkei und Indien.

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