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Kratzen an der Grundsubstanz

■ Der Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen in der Roten Flora

Das um Popmusik angehäufte und verbreitete theoretische Wissen dient der Konsolidierung ihrer Ernsthaftigkeit. Ein Prozeß, den ein Genre bitter nötig hat, dessen Material unter Hinzuziehung von Mythen, Zufällen, Schlampigkeiten und schlechten Witzen – den Insignien der Jugend – erstellt wird und das trotzdem einen Relevanzanspruch geltend macht.

Ernsthaftes Sprechen über die unernsten Artikulationen will schwerlich gelingen. Daß die Arbeit daran trotz aller Widrigkeit wichtiger ist als so ziemlich jede andere im kulturellen Bereich, hat wohl niemand nachdrücklicher bewiesen als Diedrich Diederichsen. In seiner über zehnjärigen Funktion als Redakteur und Herausgeber der Zeitschrift Spex prägten seine atemlos-lustvollen, rücksichtslos gegen die Leserschaft von einem Gedanken zum nächsten springenden Reflexionen einen neuen Schreibstil. Seine Artikel waren aufreizend, denn Diederichsen insistierte auf der unübergehbaren Bedeutung von Popkultur. Als kulturelles Manifest lieferte sie auch Nachweise über die Macht linksradikaler Potentiale, wie sie sich in Situationismus und afro-amerikanischer Befreiung, Punk und Hip-Hop aktualisieren.

Heute greift die Tonträgerindustrie auf die von Diederichsen eingeführten Innovationen zurück. Ohne ein Höchstmaß von „Credibility“, ohne philosophische Untermauerung der Werbung für Künstler kommt kein Promotionsbüro mehr aus. Der Diskurs wird dem Produkt nicht nur implantiert, er ersetzt es zunehmend.

Der relevante – und mehr als zuvor bedeutet das heute: der linke – Pop-Diskurs muß, will er noch glaubwürdige Aussagen treffen, sich selbst reflektieren, muß seine Bedingungen, seine gewachsenen Strukturen überdenken, eingiges verwefen, neuformulieren und richtigstellen. An diesem Punkt wird Diedrich Diederichsen mit seinem Vortrag Über Pop und Politik heute abend in der Roten Flora ansetzen, wobei er mit einem Rekurs auf die wichtigsten Konzepte ästhetischer Theorie an der Grundsubstanz kratzen will.

Unterstützt wird der Referent vom Dancehall, R&B und Hip-Hop der Sugarchicken. Der Grandsigneur post-dandyistischer Eleganz, Herr Gregorius, erteilt ganz nebenbei eine Lektion in Sachen urbanen Entertainments.

Hartwig Vens

Heute, 20 Uhr, Rote Flora

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