: Kosmopolitische Polyfonie
Während in Berlin der Kunsthändler Paul Cassirer mit einer Ausstellung geehrt wird, geht es in München um den künstlerischen Aufbruch während der Weimarer Republik
Von Jana Janika Bach
Drama, Baby! – Heute wären Tilla Durieux und Paul Cassirer wohl als „Power-Couple“ bezeichnet worden und ihre Beziehung als toxische Amour fou. Unbestritten gaben die Schauspielerin und der Verleger, Dreh- und Angelpunkt des Kulturlebens im preußischen Kaiserreich und der Weimarer Republik, ein glamouröses Paar ab.
Sie ein gefeierter Filmstar, moderne Muse, Femme fatale und sinistre Circe, porträtiert von Pierre-Auguste Renoir, Oskar Kokoschka oder Franz von Stuck. Er indes ein visionärer Kunsthändler, Galerist und durchaus polarisierend. Den einen galt der 1871 in Breslau geborene Sohn eines jüdischen Fabrikanten als kultiviert, mit Witz und Charme, den anderen als cholerischer Wüterich.
Der Zwist ist Cassirers Erfolgsgeschichte von Beginn an eingeschrieben – legendär war die Kunsthandlung, die er 1898 mit seinem Vetter Bruno aus der Taufe hob, ebenso deren Streit, der dafür sorgte, dass Paul sie allein weiterführte. Wochenlang füllte das flamboyante Duo Tilla und Paul schließlich die Blätter der Presse, als ihre Liebe in einem letzten dramatischen Akt gipfelte: Statt die Scheidungsurkunde zu unterzeichnen, schoss sich Paul eine Kugel an den Kopf, zwei Tage darauf verstarb er. Auch wegen solcher Storys blieb sein Vermächtnis als Kunststratege und Netzwerker lange verstellt.
Schon während seiner Münchner Studentenzeit knüpft Cassirer Kontakt zu Künstlern. Zurück an der Havel wird er zum Mitstreiter Max Liebermanns und zur treibenden Kraft der Berliner Secessionisten, einer impressionistischen Malergilde, die entgegen kaiserlicher „Kulissenkunst“ ein „neues Sehen“ proklamierte.
Im Sinne eines kosmopolitischen Stipluralismus gab es für sie „keine allein selig machende Richtung in der Kunst“. Tatsächlich gelingt es dem weitsichtigen Cassirer, programmatisch Progressives, die französischen Impressionisten und Vincent van Gogh in Deutschland durchzusetzen – und damit einen völlig anderen Kunstgeschmack, der sich gegenwärtig in den bedeutendsten Museen wiederfindet.
Der Durchbruch war beileibe kein Selbstläufer, kaum ein Käufer verstand die Malerei des schnellen Pinselstrichs. Doch Cassirer präsentierte in seinem Kunstsalon im Berliner Tiergartenviertel unbeirrbar Meisterwerke von Monet, Manet und Degas, Liebermann oder Cézanne. In Berlin ehrt die Alte Nationalgalerie nun Cassirers unermüdliches Engagement für die Moderne (22. Mai bis 27. September 2026).
Ein Aufbruch, der sich künstlerisch vielfältig mit Dadaismus, der Neuen Sachlichkeit oder dem Bauhaus, fortsetzt – bis das NS-Regime der kulturellen Polyfonie ein gewaltsames Ende bereitet. Längst geistert die Frage, ob wir derzeit eine Rückkehr zu „Weimarer Verhältnissen“ erleben, und welche Lektionen für heutige Demokratien daraus zu ziehen seien, durch die Feuilletons.
In der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München wird dem auf den Grund gegangen (12. Mai bis 27. September 2026). Die großen Thesen werden aber nicht angeschlagen. Vielmehr funktioniert die Ausstellung „Ein Ferngespräch“ wie ein Mosaik. Titelgebend war ein Bonmot Kurt Tucholskys, der dazu ermahnte, bei einem Telefonat ordentlich Hochdeutsch zu sprechen, damit der Berliner akkurat abgehört werden könne.
Ihren Freund, den Verlagslektor Erich Müller-Kamp, malte Käte Hoch in aufmerksamer Sitzposition, den Hörer des Apparats am Ohr. Ihrem Selbstbildnis in Öl verpasste die linke Aktivistin Berufskleidung in den Farben der Suffragetten.
Eine Zeit zeigt Gesicht, zum Beispiel Rudolf Schlichters Charakterköpfe: Bertolt Brecht, in der ihm ureigenen Pose eines gleichzeitigen Zu- und Abgewendetseins. Helene Weigel müht sich gar nicht erst, Blickkontakt zu suchen. Nach 1945 werden die beiden mit ihrem „epischen“ Theater ein neues Deutschland erproben. Auch August Sanders Fotografien „Sekretärin beim Kölner Rundfunk“ oder „Frau eines Malers“ von Sylvia von Harden oder Helene Abelen, leger rauchenden Garçonnen, wirken sachbetont, doch unmittelbar. „Arbeitslos“ ist der Mann mit Hut, innere Ödnis vor trostloserer Urbanität.
Vor allem die Metropole wie das Berliner „Sündenbabel“ waren den Konservativen ein Dorn im Auge. Wie unter einem Brennglas zeigten sich hier die Widersprüche der Zeit mit Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit, Tanzlokalen und Exzess, antifaschistischen Komitees und Kriegsversehrten – mit allem, was die Weimarer Republik war, von reaktionär bis hin zu aufklärerisch emanzipatorisch. Im Lenbachhaus werden Szenen einer Epoche skizziert, schnoddrig-nüchtern und lebendig wie in Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“.
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