Kontroverse TV-Doku über China: Propaganda verhindert?

Der SWR hat entschieden, die Doku „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“ nicht auszustrahlen. Der Sender begründet die Entscheidung rechtlich.

Szenenbild der Doku: improvisiertes Krankenhaus mit Hochbetten

Szenenbild aus der Dokumentation „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“ Foto: SWR

Für die einen ist es klar: Der SWR ist haarscharf an der Katastrophe vorbeigeschrammt, sich vor den Karren der chinesischen Propaganda spannen zu lassen.

So sehen es die Peking-Kor­res­pondent*innen von Süddeutscher Zeitung und FAZ. Für sie ist die Doku „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“ nicht akzeptabel. Der 45-minütige Film, der eigentlich am Montagabend auf dem renommierten Sendeplatz „Story im Ersten“ laufen sollte, schildert den Ausbruch der Coronapandemie in der chinesischen Millionenmetropole.

Er arbeitet überwiegend mit Bildmaterial der staatlichen Produktionsfirma China Intercontinental Communication Center (CICC), einem Teil des chinesischen Propagandaapparats. Die SWR-Dokumentation helfe dabei, die anfängliche Phase der Vertuschung der Pandemie vergessen zu machen, so das Verdikt der FAZ.

Man kann den Film aber auch anders sehen: als gelungene dokumentarische Annäherung an den Ausbruch der Pandemie. Auch wenn diese wegen der fehlenden Medienfreiheit in China und der fehlenden Möglichkeit, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen, notwendigerweise lückenhaft ausfällt und verschiedene Interpretationen zulässt.

Kein eigenes Urteil mehr bilden

Denn der Film ist keine CICC-Produktion. Vielmehr hat die vom SWR beauftragte deutsche TV-Produktionsfirma Gebrüder Beetz aus den rund 67 Stunden des von CICC gelieferten Rohmaterials einen neuen Film geschnitten. Alle im CICC gemachten Aussagen wurden von SWR und Beetz sensibel gegenrecherchiert und werden im Film von deutschen Experten wie dem Virologen Christian Drosten oder Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, eingeordnet und bewertet.

Das eigentliche Problem ist, dass sich die Zuschauer*innen nun kein eigenes Urteil bilden können. Denn zur Ausstrahlung kam es nicht. Gründe dafür seien laut SWR, wie am Tag der geplanten Ausstrahlung mitgeteilt, rechtlicher Art. Man habe erst in letzter Minute gemerkt, dass „die beauftragte Produktionsfirma dem SWR nicht die erforderlichen Rechte am verwendeten Filmmaterial einräumen“ konnte.

Sind die mit Preisen überhäufte Produktionsfirma Beetz („Cleaners“) und die SWR-Doku-Abteilung einfach über das Kleingedruckte gestolpert? Die Vorbehalte gegen den Film begannen eine Woche vor der geplanten Ausstrahlung. Die taz berichtete darüber.

„Wenn Peking die Bilder liefert“, war der Beitrag von SZ-China-Korrespondentin Lea Deuber betitelt. „Ein eigenes Team hat die beauftragte deutsche Produktionsfirma nicht nach China geschickt. Stattdessen griff sie auf Material der Propagandabehörden zurück“, hieß es verkürzt im Vorspann weiter.

Der weitere Beitrag fiel dann etwas differenzierter aus. In ihm durfte sich auch der NDR von dem Projekt distanzieren. Der Sender ist für das ARD-Studio in Peking zuständig und teilte mit, die Korrespondent*innen seien „in dieses SWR-Projekt nicht eingebunden und liefern auch keine Unterstützung“. So wird geschrieben, wenn man etwas entgleisen lassen möchte.

Keine Vorfeldorganisation der KP

Ähnlich arbeitet die FAZ, die jetzt – in Kenntnis des Films, der im ARD-Pressebereich für Journalist*innen abrufbar war – genüsslich eine mit CICC-Hilfe entstandene Dokumentation über Chinas Präsidenten und KP-Chef Xi Jinping als vergleichbares Beispiel anführt.

Bei dem Film von 2017 sei auch mit einer unabhängigen Produktionsfirma namens Meridian Line Films zusammengearbeitet worden. Deren Glaubwürdigkeit habe sich der chinesische Propagandaapparat zunutze gemacht.

Allerdings war der damalige Chef von Meridian Line Films nach Experteneinschätzung gleichzeitig zweiter Mann bei der CICC. Auch das erwähnt die FAZ und führt damit ihren Vergleich mit „Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“ eigentlich ad absurdum: Man mag an der SWR-Doku viel kritisieren, aber die Produktionsfirma Gebrüder Beetz ist keine Vorfeldorganisation der chinesischen KP.

Der Kritik am Film hätte man sich gerne gestellt, sagt Geschäftsführer Christian Beetz. Dass nun alle um diese wichtige Diskussion gebracht werden, ist die eigentliche Katastrophe. Welche Interessen und Konflikte die Entscheidung des SWR beeinflusst haben, bleibt vorerst offen.

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