Kongos Krieg gegen FDLR-Rebellen

Die Strategie heißt Einkesseln

In den Bergen nordwestlich von Goma beginnt der Krieg gegen die ruandische FDLR-Miliz. Die Armee geht ohne Rücksicht auf die Bevölkerung vor.

Harrt weiter aus: Witonze Nzambonipa, Chef der Vertriebenenlagers. Bild: Simone Schlindwein

MWESO taz | Witonze Nzambonipa stützt beim Reden den Kopf mit der Hand, als habe er Schmerzen. Der Chef des Vertriebenenlagers von Mweso hat eine Odyssee quer durch Dschungel hinter sich, mit Frau und vier Kindern. Seit acht Jahren leben sie in einem Lager aus Lehmhütten und Zeltplanen auf einem Hügel über der Kleinstadt Mweso.

Unterhalb des Lagers schlängelt sich eine matschige Straße durchs Tal. Sie führt weiter nach Norden – hoch in die Berge und Wälder, wo sich die Rebellen verstecken. „Wir haben große Angst vor dem nächsten Krieg, aber auch Hoffnung, dass wir danach endlich in unser Dorf zurückkönnen“, sagt er.

Nzambonipa kommt aus dem Dorf Kivuye, ein paar Kilometer weiter. Dort stehen die Kämpfer der ruandischen Hutu-Miliz FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas). In seinem Haus leben ruandische Hutu, Frauen und Kinder der FDLR-Soldaten. Sie bestellen seinen Acker. Das weiß er von seinen Nachbarn, die nach Kivuye zurückgekehrt waren – doch wenig später wieder im Vertriebenenlager aufschlugen. Die Lage sei nicht sicher, sagten sie. So harrt der Familienvater weiter aus.

Letzte Woche haben offiziell die Militäroperationen der kongolesischen Armee gegen die FDLR begonnen. Auf den Hügeln nördlich von Mweso beziehen Soldaten Stellung. Vom Vertriebenenlager aus beobachtet Nzambonipa, wie täglich Militärfahrzeuge durch Mweso brausen – gen Norden, wo die FDLR ihren quasi-Staat im Staat unterhält. Die Berge und der Dschungel dort oben bieten den Hutu-Kämpfern Deckung. Sie kontrollieren die einzige Straße dort hoch. Damit soll es jetzt bald vorbei sein.

Ein geheimer Plan

Aber wie? Bis zuletzt zweifelten Diplomaten in der Provinzhauptstadt Goma, ob eine solche Operation gegen die FDLR überhaupt machbar sei. Es hatte Unstimmigkeiten zwischen Kongos Armee und der UN-Mission Monusco gegeben. Seit November war ein gemeinsamer Angriffsplan ausgeheckt worden. Kongos Präsident Joseph Kabila hatte sich aber geweigert, ihn zu unterzeichnen. Vergangenen Freitag kam dann Kongos Stabschef General Didier Etumba aus Kinshasa mit einem eigenen Schlachtplan nach Goma.

Es herrschte Verwirrung: Jetzt war nicht mehr von „gemeinsamen“ Operationen die Rede, sondern von einer Operation der kongolesischen Armee FARDC „mit Unterstützung der Monusco“. Das heißt: Die Kongolesen führen, UN-Truppen geben Rückendeckung und die UN-Mission bezahlt: Lebensmittelrationen, Benzin, Ausrüstung.

Der geheime neue Plan, in welchen die taz Einblick erhielt, sieht vor, die Stellungen der FDLR-Kommandanten zu umzingeln und den Ring langsam zuzuschnüren. Die einfachen Kämpfer und deren Frauen und Kinder sollen sich ergeben und von der UN in ihre Heimat Ruanda zurückgebracht werden. Als militärische Ziele bleiben dann FDLR-Militärchef Sylvestre Mudacumura und der FDLR-Kommandant für die Provinz Nord-Kivu, General Omega, übrig.

Mudacumura versteckt sich einige Dutzend Kilometer nördlich von Mweso in der Nähe des Dorfes Ihula mit seinen treuesten Kämpfern. Hutu-Flüchtlinge dienen ihm als menschliche Schutzschilde – eine verzwickte Lage für die Angreifer. General Omega ist einfacher zu attackieren: Er versteckt und bewegt sich im Virunga-Nationalpark, Afrikas ältestem Naturschutzgebiet rings um Goma, mit Spezialeinheiten. Dort gibt es keine Zivilisten, nur Elefanten und Büffel.

Die Führer werden ausgeschaltet

Die Idee: Sind die beiden Militärführer ausgeschaltet, ist die strikt hierarchisch strukturierte FDLR kampfunfähig. Übrig für eine mögliche Verständigung bleibt dann die politische Führung um den amtierenden FDLR-Präsidenten Victor Byiringiro.

Aber Vertriebenenchef Nzambonipa ist nicht zuversichtlich. Täglich treffen neue kongolesische Hutu-Familien in seinem Lager ein, sagt er. „Sie fürchten, dass sie für FDLR gehalten oder von ihnen als Schutzschilde missbraucht werden“, erklärt er.

Die ganze Bevölkerung nördlich von Mweso ist auf der Flucht. Seit Jahrzehnten ist in diesem Gebiet der Staat nicht präsent. Seitdem die FDLR-Kämpfer sich dort wegen der anstehenden Operationen in die Wälder zurückgezogen haben, herrscht ein totales Machtvakuum. Im Krankenhaus von Mweso werden Verletzte mit Schusswunden eingeliefert. In Kitchanga wurden acht Hutu mit Macheten zerhackt.

Niemand weiß, wer die Täter sind. Klar ist nur: Andere lokale Milizen rüsten sich, um das freiwerdende FDLR-Territorium einzunehmen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de