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Kongos Armee beschießt Rebellen in GomaKampfdrohne tötet UN-Mitarbeiterin im Schlaf

Goma, wo Kongos M23-Rebellen residieren, wird Ziel eines Drohnenangriffs der von Franzosen unterstützten Regierungsarmee. Eine Französin wird getötet.

Volltreffer: Nach dem nächtlichen Drohneneinschlag in Goma bewachen UN-Blauhelme das Haus, in dem eine UN-Mitarbeitern starb Foto: Moses Sawasawa/AP/dpa
Simone Schlindwein

Aus Kampala

Simone Schlindwein

Es war noch vor dem Morgengrauen, als die Kampfdrohnen der kongolesischen Armee über Goma kreisten. Die Millionenstadt im Osten der Demokratischen Republik Kongo liegt direkt an der Grenze zu Ruanda und wird seit über einem Jahr von den Rebellen der M23 (Bewegung des 23. März) kontrolliert, die von Ruandas Militär unterstützt werden. Die M23-Führung sitzt in schicken Villen in Goma am Ufer des Kivu-Sees. Genau dorthin zielten nun die ferngesteuerten Drohnen der Gegenseite.

Die erste Drohne feuerte laut Angaben der M23 ihr Geschoss offenbar zu spät ab, es versank im See. Das Geschoss der zweiten Kampfdrohne traf kurz darauf ein Haus in Ufernähe im Stadtviertel Himbi, wo viele UN-Mitarbeiter wohnen. Videos auf X zeigen ein eingestürztes Dach, das Schlafzimmer darunter steht in Flammen.

Der Einschlag tötete eine französische Mitarbeiterin des UN-Kinderhilfswerks Unicef, die in der getroffenen Doppelhaushälfte wohnte. Einen offiziellen Kommentar gab Unicef in Goma zunächst auf Anfrage nicht ab. Nach lokalen Quellen wurden auch mindestens zwei Kongolesen getötet.

Wer sind Kongos Rebellen?

Die „Bewegung des 23. März“ (M23) wurde 2012 von meuternden Soldaten der kongolesischen Armee unter General Sultani Makenga gegründet. Der Name bezieht sich auf ein am 23. März 2009 geschlossenes Abkommen zur Beendigung einer vorherigen Rebellion. Die M23 ging nach ihrem ersten Krieg 2012-13 ins Exil nach Uganda. Ende 2021 nahm sie den Kampf wieder auf und ist jetzt stärker denn je, mit Hilfe Ruandas. Ihr geht es vor allem um den Schutz der kongolesischen Tutsi.

Die „Allianz des Kongo-Flusses“ (AFC) ist ein Verband der M23 und anderer Rebellen, gegründet kurz vor Kongos Wahlen Ende 2023 von Ex-Wahlkommissionschef Corneille Nangaa. Ihr Ziel ist der Sturz von Präsident Felix Tshisekedi.

„Dieser Angriff ist eine Provokation, die wir nicht tolerieren können!“, erklärte M23-Sprecher Lawrence Kanyuka. Die Drohne habe ein „dicht besiedeltes Stadtgebiet anvisiert und damit das Leben unschuldiger Zivilisten in Gefahr gebracht“.

War das eigentliche Ziel Joseph Kabila?

Das eigentliche Ziel der Drohne, so spekulieren kongolesische Augenzeugen, dürfte eine schicke Villa nur wenige Hundert Meter entfernt gewesen sein. Dort wohnt derzeit Kongos Ex-Präsident Joseph Kabila. Er besitzt seine luxuriöse Residenz am Kivu-See seit seiner Zeit als Präsident.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt 2019 und seinem Bruch mit Nachfolger Félix Tshisekedi ein Jahr später war Kabila ins Exil in Südafrika, Namibia und Simbabwe gegangen. Vor knapp einem Jahr kam Kabila nach Goma, suchte bei den M23-Rebellen Zuflucht – ohne sich diesen jedoch offiziell anzuschließen.

Kongos Regierung beschuldigte Kabila des Landesverrats, ein Militärgericht in Kinshasa verurteilte ihn im September in Abwesenheit zum Tode. Seitdem ist er einer der meistgesuchten Männer des Landes und wird in Goma von den Rebellen beschützt.

Die Kampfdrohnen starten in Kisangani

Trotz eines im Dezember 2025 unterzeichneten Friedensvertrags und einem erklärten Waffenstillstand mit den M23-Rebellen startete Kongos Armee vor zwei Wochen eine neue Offensive im Ostkongo. Vom internationalen Flughafen in Kisangani aus, rund 500 Kilometer westlich von Goma, starten immer wieder Kampfdrohnen. Die hat Kongos Armee im vergangenen Jahr in China und der Türkei eingekauft.

Mit diesen Drohnen nimmt die Regierungsarmee nun die M23-Führung gezielt ins Visier. Ende Februar feuerte sie auf ein Farmhaus in den Masisi-Bergen westlich von Goma, wo das M23-Oberkommando kurz zuvor getagt hatte. Eine Drohne traf M23-Militärsprecher Willy Ngoma in seinem Auto tödlich.

Seitdem wird in den Masisi-Bergen unweit von Goma heftig gekämpft. Kongos Armee schickt die mit ihr verbündeten Milizionäre „Wazalendo“ (Patrioten) vor, um die Frontlinien zu durchbrechen. In den letzten Tagen war sogar in Goma das dumpfe Grollen von schweren Waffen aus den Bergen zu hören.

Die Drohne, die am Mittwochmorgen das Schlafzimmer der französischen Unicef-Mitarbeiterin traf, verdeutlicht jedoch die Bereitschaft der Regierungsarmee, auch zivile Opfer in Kauf zu nehmen.

Gesteuert und gewartet werden die hochmodernen, teuren Geräte nicht von Kongolesen, sondern von französischen Ausbildern – darunter Drohnenpiloten –, die Kongos Armee angeheuert hat. Nun treffen sie in Goma ausgerechnet eine französische UN-Angestellte. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bestätigte am Mittwoch ihren Tod und rief zur Respektierung des humanitären Völkerrechts auf.

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