Konflikt zwischen Äthiopiens und Ägypten: Kurz vor dem Wasserkrieg

Äthiopiens Staudamm füllt sich, Ägypten droht ein Wassermangel: Der seit langem angekündigte Wasserkrieg droht auszubrechen.

Eine Fähre schaukelt am Ufer des Nils in Assuan Ägypten

Der Nil ist die einzige Lebensader Ägyptens – das macht den Konflikt ums Wasser so gefährlich Foto: Joana Kruse/imago

Sollte es tatsächlich zum Wasserkrieg zwischen Ägypten und Äthiopien kommen? Die Zeichen stehen auf Sturm. Der von Ägypten abgelehnte riesige Renaissance-Staudamm am Blauen Nil in Äthiopien beginnt, sich zu füllen. Flussabwärts im Sudan kommt offenbar bereits weniger Nilwasser an als gewohnt. Für Ägypten, wo der Nil endet, ist der Dammbau ein Kriegsgrund. Für Äthiopien geht es beim Dammbau um die Souveränität und die Ehre. Es gibt keine effektive Deeskalation.

Es wäre der bestangekündigte Krieg des 21. Jahrhunderts. Dass der Wunsch Äthiopiens nach effektiver Nutzung der immensen eigenen Wasserressourcen im grünen Hochland unvereinbar ist mit Ägyptens Abhängigkeit vom Nilwasser als einzige Lebensader in der Wüste, ist schließlich keine neue Erkenntnis. Der Interessenkonflikt ist strukturell angelegt, Warnungen vor seinem offenen Ausbruch gibt es seit Jahrzehnten, spätestens seit Beginn der Staudammbaupläne in Äthio­pien. Und trotzdem scheint niemand in der Lage zu sein, diesen Konflikt aufzufangen.

Dass es jetzt so weit gekommen ist, liegt aber nicht nur an geografischen und hydrologischen Realitäten. Im Spiel ist auch eine gehörige Portion Hochmut aus Ägypten, das die afrikanischen Länder flussaufwärts nie wirklich ernst genommen hat. Dazu kommt ein teils überbordender Na­tio­na­lismus in Äthiopien als einziges nie von Europa unterworfenes Land in Afrikas, dessen Politik sehr nach innen gekehrt ist.

Nicht zuletzt stehen sich mit diesen beiden Ländern zwei jahrtausendealte Weltkulturen gegenüber, die der Nil schon seit der Antike zugleich eint und entzweit. Mit Abdel Fattah al-Sisi und Abiy Ahmed treffen überdies zwei Herrscher aufeinander, die sich von außen nicht beeindrucken lassen, wo sie doch international hofiert werden, der eine als Bezwinger des Islamismus und der andere als Friedensnobelpreisträger. Beide machen gerade schwere Zeiten durch. Abiy Ahmed steht innenpolitisch unter Druck nach den jüngsten Unruhen mit über 230 Toten und kann sich keine Blöße erlauben; Sisi hat gerade erst die Niederlage seines Protegés Haftar in Libyen hinnehmen müssen und will ebenso wenig als Schwächling dastehen. Beiden käme ein Befreiungsschlag gerade recht.

Gibt es einen Ausweg? Man kann vorerst nur auf die Vernunft der Machthaber hoffen. Und darauf, dass es in Äthiopien in den nächsten Monaten so viel regnet, dass genug Wasser für alle übrigbleibt. Vielleicht führen Kairo und Addis Abeba ja auch nur irgendwo einen schmutzigen Stellvertreterkrieg gegeneinander. Vielleicht tun sie das schon längst. Die Welt muss die Augen offen halten.

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