Ein Mann steht an auf einem Felsen an einem reissenden Fluss

Foto: Sumy Sadurni

Konflikt um Staudamm in Uganda:Die Flussgeister sind verstummt

Für die Bevölkerung ist die Quelle des Nils ein Kulturgut, für die Regierenden eine Stromquelle. Auch deutsche Geldgeber mischen mit.

7.2.2021, 09:05  Uhr

Früher war diese Stelle am Ufer des Victoriasees ein Touristenmagnet. Jetzt steht der ugandische Touristenführer Ronald Mukuye ganz allein auf dem Holzsteg, der ins Wasser hineinführt. Betrübt guckt er auf die gewaltigen Wassermassen, die sich majestätisch in die Flussmündung hineinschieben.

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Nur wenige Meter vor ihm ragt ein rostiges, rundes Schild aus den braunen Fluten: „Die Quelle des Nils“ steht dort mit weißen Lettern auf blauem Hintergrund geschrieben – eine perfekte Kulisse für ein Erinnerungsfoto.

„Diese Stelle ist weltweit berühmt“, sagt der 29-jährige Ugander Mukuye. Bis heute ist der Abfluss des Weißen Nils aus dem größten See Afrikas ein Pilgerort für weiße Safaritouristen. Aus afrikanischer Sicht erinnert das Schild hingegen an die koloniale Fremd- und Gewaltherrschaft. Deswegen ist der Ort heute auch ein Wahrzeichen des antikolonialen Widerstands. Ein Teil der Asche von Mahatma Gandhi wurde nach seinem Tod 1948 hier in den Nil gestreut – auf seinen Wunsch, als Anerkennung der Inspiration aus Afrika für seinen Freiheitskampf in Indien.

Touristenführer Mukuye sagt, vor dem Ausbruch der Coronapandemie habe er hier wöchentlich über 400 Besucher aus allen Teilen der Welt empfangen und ihnen die Geschichte dieses Ortes erzählt. Heute kommen nur noch ugandische Familien zum Sonntagsausflug. Sie schießen Fotos und sitzen auf Plastikstühlen zwischen den Souvenirshops und den Holzbuden, wo es „Nile“-Bier und Süßgetränke gibt.

An manchen Tagen spaziert Mukuye ganz alleine durch das sumpfige, nasse Gras bis zum Steg. Libellen schwirren umher. Am Himmel kreist ein Raubvogel. Es riecht nach Algen und Fisch. Aufgrund außergewöhnlich langer Regenzeiten ist der Wasserstand des Victoriasees seit vergangenem Jahr extrem hoch. Vielerorts sind die Ufer überschwemmt, Häuser und Brücken zerstört. Der Boden unter Mukuyes Füßen ist matschig.

Der Touristenführer Ronald Mukuye bangt wegen der Pandemie um seine Existenz Foto: Sumy Sadurni

Der Nil gilt als längster Fluss der Welt neben dem Amazonas. Er ist auch der einzige Abfluss aus dem riesigen Victoriasee im Herzen Afrikas. Rund 5.500 Kilometer schlängelt sich der Weiße Nil von hier aus gen Norden: durch die Savannenlandschaft Nordugandas, durch die Sümpfe Südsudans, weiter durch die steinigen Tiefebene Sudans, wo der viel mehr Wasser führende Blaue Nil aus Äthiopien auf ihn stößt und ihm die Kraft verleiht, die ihn durch die Wüste Sahara bis nach Ägypten führt: „Drei Monate braucht das Wasser von hier aus bis ans Mittelmeer“, sagt Mukuye.

Der Nil als ungelöstes Rätsel

Um die Quelle des Nils gibt es seit Jahrhunderten Streit. Früher wollten die britischen Kolonialherren den Fluss und seine Kraft für ihre Zwecke nutzen und errichteten die ersten Wasserkraftanlagen. 2012 wurde mithilfe der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau, der KfW, ein Staudamm fertiggestellt – obwohl der Ort für die Menschen, die am Ufer leben, heilig ist. Nicht nur Corona schadet dem Tourismus, auch der Damm vertreibt die Besucher. Aber der Reihe nach.

Der ugandische Touristenführer schlendert zu einem Obelisken aus braun-rotem Sandstein, der neben dem Ufer knapp zehn Meter in den Himmel ragt. „Hier stand einst der britische Forscher John Hanning Speke“, erzählt er und zeigt auf den Säulensockel. Dort prangt ein Datum: der 28. Juli 1862. An jenem Tag, so lernen hier die Touristen, machte der britische Forschungsreisende Speke im Auftrag der Royal Geographical Society in London hier die Nilquelle ausfindig, nach jahrelangen mühsamen Reisen durch das tropische Afrika.

Bis dahin wussten die Europäer nur wenig über ihren Nachbarkontinent Afrika. Jahrtausendelang war es für sie ein ungelöstes Rätsel, wo all das Wasser herkommt, das in Ägypten ins Mittelmeer fließt. Klar war: Der Fluss wird gespeist von Regenfällen in den Tropen am Äquator, denn zu Monsunzeiten führt der Nil weit mehr Wasser als zu Trockenzeiten. Damit war der wasserintensive Anbau von Baumwolle an den Ufern des Nils in Ägypten für die britische Textilindustrie nur zu bestimmten Monaten im Jahr möglich. Ein Damm an der Nilquelle, der das Wasser zu Regenzeiten staute und zu Trockenzeiten entließ, sollte die Baumwollproduktion ganzjährig möglich machen. Das war die Idee.

Und so wurde für Großbritannien die Suche nach dem Nil-Ursprung im Herzen Afrikas zur wirtschaftlich-strategischen Unternehmung. Und die Kontrolle über den Nil galt zugleich als Kontrolle über diesen Teil Afrikas. Die Nil-Erforschung war ein Eroberungsfeldzug.

Gefördert durch das European Journalism Centre (EJC) mit Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation folgt die taz ein Jahr lang dem Wasser. Fünf taz-Korrespondentinnen recherchieren in Lateinamerika, Westasien, Südasien und in Afrika entlang des Nils. Denn vor allem im Globalen Süden gibt es zu wenig oder kein sauberes Wasser. Besonders Frauen müssen jeden Liter über weite Strecken nach Hause tragen. Der Zugang zu Wasser wird mit der Klimakrise verschärft. Immer öfter wird Wasser privatisiert oder steht im Konflikt mit Großprojekten, die Fortschritt bringen sollen. Mehr unter taz.de/Wasser

„Die Expedition hat nun ihre Aufgaben erfüllt“, notierte Speke an jenem Tag im Juli 1862 in sein Tagebuch, als er an dieser Stelle ankam, an welcher Mukuye heute steht. Er bestaunte die massiven Felsen im breiten Fluss, an denen sich die Wassermassen brachen, und schilderte die Szene ausführlich in seinem Tagebuch. Aus der weißen Gischt hüpften die Fische empor. Er sah Hippos und Krokodile, die sich im seichten Wasser tummelten; Rinderherden, die von Hirten ans Ufer getrieben wurden, um dort zu trinken; er sah Fischer mit ihren selbst gebauten Kanubooten, die ihre Netze auswarfen.

„Ein so interessantes Bild, wie man es sich nur wünschen kann“, schrieb Speke. „Ich habe gesehen, wie der alte Vater Nil aus dem Victoria ­Nyanza aufsteigt, ohne jeden Zweifel, und wie ich vorausgesagt hatte, ist dieser See die große Quelle des heiligen Flusses.“ Dem See konnte er nur einen Namen geben – den seiner Königin: Victoria.

Ein Staudamm sollte den Fluss bändigen

Die Menschen, die an diesem Ufer lebten, nannten das Gewässer „Nyanza“. Sie gehörten zur Ethnie der Basoga, deren altes Königreich Busoga seit dem 16. Jahrhundert hier bestand. Sie lebten vom Fisch aber auch vom Handel. Die Basoga waren das Handelsvolk, das den Warenverkehr zwischen dem Inneren des Kontinents und den Häfen im Indischen Ozean abwickelte – vor allem die gefährliche Übersetzung über den gewaltigen Fluss.

Menschen sitzen an der Anlegestelle am Ufer des Victoriasees

Langeweile am Bootssteig: Die Touristen bleiben in Jinja dieses Jahr aus Foto: Sumy Sadurni

Speke beobachtete junge Männer, die mit einem hölzernen Floß Waren und Reisende über den 150 Meter breiten Strom transportierten. Vor der Überfahrt opferten sie den Flussgeistern, um das Wasser zu zähmen. Immer wieder zerschellten Boote, die von der Strömung auf die Felsen getrieben wurden. Die Menschen nannten den Ort in ihrer Sprache „Jinja“, übersetzt: Felsen.

Die Basoga hatten einen traditionellen Führer, den „Budhagali“ – ein Medium, welches die Geister des Nils bändigen konnte. Zu ihm kamen die Handelsreisenden und gaben Opfer, um eine sichere Überfahrt zu gewährleisten.

Doch die Briten hatte eine andere Vorstellung, um den Fluss zu bändigen: einen Staudamm. Der Bau des ersten Wasserkraftwerks 1954 ermöglichte es den Kolonialherren, durch Stromgewinnung auch in Ostafrika eine Industrialisierung einzuleiten. Am Felsen Jinja wurde ab 1948 die gleichnamige Stadt angelegt, seit 1956 wird an der Nilquelle das in ganz Ostafrika berühmte „Nile-Special“-Bier gebraut. Weitere wasserintensive Industrien siedelten sich dort an: Baumwollmanufakturen, Zuckerfabriken. So wuchs entlang der Flussmündung das heutige Industriezentrum Jinja, mit derzeit rund 75.000 Einwohnern Ugandas viertgrößte Stadt.

Hassan Yiga Kirunda nennt sich jetzt Budhagali

„Die Flussgeister haben mich auserwählt“

Auf einem der gewaltigen Felsen inmitten des Flusses kauerte jüngst der 29-jährige Hassan Yiga Kirunda zehn Tage lang. Er aß nichts, trank nichts, ging nicht aufs Klo. Um sich vor Kälte und Nässe zu schützen, bedeckte er sich mit den Blättern der vorbeitreibenden Wasserhyazinthen.

Als er am elften Tag durch die reißende Strömung zum Ufer zurück watete, wurde er dort von den Ältesten der Busoga-Clans mit Trommelwirbel empfangen. Aus allen Ecken Ugandas und sogar aus ganz Afrika kamen die traditionellen Könige nach Jinja, um den frisch initiierten Volksvertreter zu feiern. Busoga ist bis heute einflussreich in Uganda, sein traditioneller Führer gilt als der Herrscher über den Fluss.

Karte von Uganda und dem Victoriasee

Foto: infotext berlin

„Die Flussgeister haben mich auserwählt“, berichtet Kirunda. Seinen Geburtsnamen hat er mittlerweile abgelegt. Er wird nun „Budhagali“ genannt, nach der felsigen Insel im Nil, auf der er saß. Im blau-weiß-karierten Hemd mit traditioneller Latzhose aus den Fasern der Borkenrinde, mit zahlreichen Muscheln bestickt, sitzt der junge Mann mit kurzen Rastas auf dem Kopf in einer kreisrunden Hütte auf einer Bastmatte auf dem Boden. Um ihn herum stehen traditionelle Trommeln und mit Muscheln und bunten Perlen bestickte Zupfinstrumente und Rasseln.

Ein Mann mit Muschelbedecktem Oberteil sitzt am Boden einer Behausung aus Stein und Strohdach mit zwei weiteren Männern

Angehörige der Basoga kommen zum Budhagali, um Rat zu suchen Foto: Sumy Sadurni

In der Kultur der Basoga gilt der Budhagali als das Medium, das die Nil-Geister als ihren menschlichen Vertreter auserkoren haben. Zu ihm kommen die Leute, wenn sie Sorgen haben, krank sind oder Rat suchen. Der Budhagali schlägt dann am Ufer die Trommeln, um Kontakt mit den Flussgeistern aufzunehmen, die den Menschen helfen sollen. „Die Geister herrschen hier schon seit Ewigkeiten“, erzählt Kirunda. Zwischen seinen Zähnen kaut er auf einem Stück Miswak-Holz, der traditionellen Zahnbürste in Ostafrika. Der Budhagali soll die moderne Lebensweise meiden. Er darf nicht heiraten und keinen Sex haben.

„Trotz der Bekehrung zum Christentum oder Islam glauben immer noch viele Menschen an die Flussgeister“, sagt er und zeigt aus der Hütte hinaus in Richtung Flussufer. „Wie fest ihr Glaube ist, haben wir festgestellt, als die Regierung hier den Damm bauen wollte. Die Geister waren dagegen und die Leute sind ihnen gefolgt.“

Bujagali heißt heute auch der Damm, dessen Staumauer sich nur einen Steinwurf entfernt vom Schrein des Geisterbeschwörers in die Höhe ragt. Das 2012 nach fünf Jahren Bauzeit fertiggestellte Wasserkraftwerk, das zu Hochzeiten 250 Megawatt Strom erzeugt, gilt bis heute als Projekt mit „Modellcharakter“, wie die deutsche Entwicklungsbank KfW urteilt. Sie stellte im Rahmen eines von der Weltbank geführten Bankenkonsortiums einen Kredit von 15 Millionen Dollar zur Verfügung, die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft, eine KfW-Tochter, weitere rund 40 Millionen Dollar.

Massive Wände eines Staudamms halten Wassermassen zurück

Der umstrittene Bujagali-Damm in Jinja Foto: Sumy Sadurni

Insgesamt werden die Kosten des Baus auf knapp eine Milliarde Dollar ausgewiesen. Es war das erste privat gebaute Wasserkraftwerk in Subsahara-Afrika. Die KfW bezeichnete Uganda damals als „Hochrisikoland“, das sich in einer „Energiekrise“ befinde, aber gegen das Bujagali-Projekt gab es massive ökologische Bedenken.

Um den Bau dennoch zu ermöglichen, ging Ugandas Regierung mit einem Konsortium privater Investoren unter Führung von Sithe Global aus Kenia, mehrheitlich im Besitz der US-Beteiligungsfirma Blackstone, eine öffentlich-private Partnerschaft ein: Das Geld für den Damm wurde von Banken geliehen und muss nun vom Betreiberkonsortium BEL, der Bujagali Energy Limited, zurückgezahlt werden – die sich das Geld von Ugandas Regierung holt, indem staatliche Stellen viel mehr für den Strom zahlen, als er sonst kostet. 30 Jahre nach Inbetriebnahme geht dafür das Projekt in Staatsbesitz über.

Ugandas Regierung hat ambitionierte Pläne, die Stromversorgung in den nächsten 20 Jahren drastisch zu erhöhen, um die Industrialisierung weiter voranzutreiben. Das Land hat derzeit über 46 Millionen Einwohner, bis zur Mitte des Jahrhunderts dürften es 100 Millionen werden. Nur 26 Prozent der Bevölkerung haben Strom; 80 Prozent sollen es werden, sieht das nationale Entwicklungsprogramm „Vision 2040“ vor. Wie soll das gehen? Wie schon zu Kolonialzeiten steht die Wasserkraft am Nil ganz oben auf der Liste.

Budhagali, Medium der Flussgeister

„Wir haben nichts von diesem Damm“

Zuletzt sorgte der Vorschlag für den Bau eines Wasserkraftwerks an den berühmten Fällen im Murchinson-Nationalpark, 240 Kilometer nordwestlich von Jinja nahe der Grenze zum Kongo, für einen Aufschrei. Die Murchinson-Fälle sind ein weiterer Touristenmagnet in Uganda. Hier zwängen sich 300 Kubikmeter Nilwasser pro Sekunde durch eine zehn Meter breite Enge zwischen den Felsen und donnern dann hinunter in die Tiefebene. Im Becken unterhalb der Wasserfälle lauern Hunderte Alligatoren mit offenen Mäulern, denn die meisten Fische überleben den Fall durch das felsige Nadelöhr nicht – ein Festmahl für die Reptilien, ein Spektakel für Touristen.

60 Megawatt Strom versprach eine Machbarkeitsstudie von Ugandas Energieministerium für einen Staudamm an diesen Wasserfällen. Umweltschützer, Tourismusverbände und die Zivilbevölkerung gingen auf die Barrikaden. Immerhin: Das Parlament sprach sich schließlich dagegen aus. Der Grund: Der Damm sei schlecht für den Tourismus.

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Auch der Bujagali-Damm an der Quelle des Nils war bei der lokalen Bevölkerung der Basoga von vornherein umstritten. Obwohl nur wenige Haushalte am Flussufer umgesiedelt werden mussten, protestierten die Menschen massiv dagegen. Der Grund: Der Schrein am Flussufer, in welchem der Geisterbeschwörer lebt, musste umgesetzt werden. „Unsere Götter leben in diesem Wasser“, erklärt der Budhagali. „Die Regierung hätte mit den Geistern verhandeln und Opfer bringen müssen.“

Doch die westlichen Vertreter in dem internationalen Konsortium konnten mit diesen Forderungen nicht umgehen. Mit Geistern um eine fast milliardenschwere Investition zu verhandeln, das war ihnen fremd. Ugandas Regierung versprach der Basoga-Bevölkerung in Jinja als Entschädigung eine neue, vierspurige Brücke über den Fluss, um den Verkehr zu erleichtern. Jinja ist ein Nadelöhr im Lastwagenverkehr zwischen dem Inneren Afrikas und dem Indischen Ozean.

Die Bedenken der Bevölkerung wurden jedoch weitestgehend ignoriert. Im Schrein des Geisterbeschwörers Budhagali, der einige Kilometer weiter flussabwärts neu errichtet werden musste, hängt nach wie vor nicht einmal eine Glühbirne an der Decke. In der Stadt Jinja fällt bis heute noch immer regelmäßig der Strom aus. „Wir haben nichts von diesem Damm“, klagt der Budhagali.

Als „Fehler“ bezeichnete jüngst auch Ugandas Präsident Yoweri Museveni das Projekt. Der Grund: Der Strom aus dem Bujagali-Damm ist aufgrund der hohen Rückzahlungsraten der Kredite über 30 Jahre hinweg fast doppelt so teuer wie der von anderen Wasserkraftwerken im Land. Das ist schlecht für Ugandas Wirtschaft. Die KfW sieht dies anders: „Das Projekt ist weiterhin als Erfolg zu bewerten, weil Uganda sonst erhebliche Einschränkungen in der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung in der letzten Dekade gehabt hätte, mit auch hohen Kosten für mindestens doppelt so teuren Strom aus umweltschädlichen Dieselaggregaten“, schreibt die KfW auf Anfrage der taz am wochenende.

Eine Frau trägt ein Kajak über der Schulter

Amina lotste einst Kajak-Touristen durch die unberechenbaren Fluten. Heute hat sie kaum Arbeit Foto: Sumy Sadurni

„Die Staumauern haben die Touristenbranche zerstört“, klagt Coby Ludick. Der 25-jährige Südafrikaner kam 2017 zum ersten Mal mit seinem Kajak an den Nil. Damals galt der reißende Fluss mit seinen felsigen Stromschnellen unter den Profikajakern noch als „Weltspitze“, sagt er. Noch bis vor zwei Jahren traf sich jährlich die weltweite Ex­trem-Sport-Community mit Kajaks und Schlauchbooten an der Nilquelle. Es war wie ein Ritual, erzählt Ludick: Erst wurde auf Ostafrikas größtem Musikfestival Nyege-Nyege gefeiert, Nile-Bier in großen Mengen getrunken. Danach donnerten Hunderte adrenalinsüchtige Kajaker die felsigen Fälle hinunter. „Es waren die besten stehenden Wellen der Welt“, schwärmt Ludick bis heute. „Der Nil gab den extra Kick“, sagt er und lacht.

Bis zu 100 ausländische Touristen schickte er täglich über die Stromschnellen den Nil hinunter – ein gutes Geschäft. Dann wurde 2019 unterhalb des Bujagali-Damms mit Hilfe des deutschen Unternehmens Fichtner eine weitere Staumauer fertiggestellt: Das Isimba-Wasserkraftwerk. Seitdem sind die Felsen im Fluss in einem Stausee versunken. Der reißende Strom mit seinen gefährlichen Schnellen wurde endgültig gebändigt.

Nalubale Rafting heißt Ludicks Rafting-Unternehmen, benannt nach einem der Geister des Wassers. Es beschäftigt 24 junge Männer und Frauen aus den Basoga-Gemeinden entlang des Nils, die hier jeden Felsen und jede Stromschnelle kennen und unkundige Touristen sicher lotsen.

Der Tourismus ist eine wichtige Einkommensquelle für Ugandas Wirtschaft – nicht nur am Nil, auch in den Nationalparks in den Bergen an der Grenze zu Ruanda und Kongo mit ihren Elefanten und den vom Aussterben bedrohten Gorillas. Der Tourismus macht knapp acht Prozent des Bruttosozialprodukts aus und schafft rund 800.000 Arbeitsplätze in einem Land, das von extremer Arbeitslosigkeit geprägt ist. Rund 1,5 Millionen ausländische Touristen besuchen jährlich Uganda – normalerweise. Die meisten reisten bisher nach Jinja, um Kajak zu fahren und ein Foto an der Nilquelle zu schießen.

Doch heute steht die Nilquelle für Wasserkraft. Und die Coronapandemie bedeutet wohl das endgültige Aus. Wir erreichen Tourismusunternehmer Ludick nun telefonisch in Malawi. Dort schaut er sich nach neuen Geschäftsideen um: „Wir haben in Uganda am Nil keine Kunden mehr.“

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