Konflikt um Chiphersteller Nexperia: Mr Wing muss draußen bleiben
Ein Amsterdamer Gericht verfügt eine eingehende Untersuchung beim niederländisch-chinesischen Unternehmen. Damit dauert die Krise an.
Der Streit um den niederländisch-chinesischen Halbleiterproduzenten Nexperia geht weiter: Am Mittwoch urteilte die Unternehmenskammer des Amsterdamer Gerichtshofs, die jüngsten Vorfälle bei dem in Nijmegen ansässigen Betrieb müssten näher untersucht werden. Es gebe „gute Gründe“, so das Gericht, an der Unternehmensführung bei Nexperia zu zweifeln.
Das Verfahren, das Manager des niederländischen Zweigs erwirkt haben, dreht sich um den Vorwurf, der chinesische Besitzer Zhang Xuezheng wolle die europäischen Aktivitäten des Unternehmens nach China überführen.
Nexperia, das 12.500 Angestellte in Europa, Asien und den USA beschäftigt und auch Werke in Deutschland und Großbritannien betreibt, ist eine Abspaltung von NXP, das seinerseits aus der Halbleiterproduktion des niederländischen Traditionsunternehmens Philips hervorging.
Es handelt sich um eine Tochter des teils staatlichen chinesischen Unternehmens Wingtech Technology. Deren Chips sind vor allem für die Automobilindustrie essenziell. Daneben finden sie Verwendung in Gebrauchsgegenständen wie Kühlschränken, Lampen und Mobiltelefonen, aber auch im Rüstungsbereich.
Wingtech-Gründer suspendiert
Der Konflikt zwischen dem niederländischen und dem chinesischen Zweig, der zu einer noch immer anhaltenden diplomatischen Krise zwischen beiden Ländern führte, begann im Herbst mit der Suspendierung von Wingtech-Gründer und -CEO Zhang Xuezheng, auch bekannt unter seinem Spitznamen „Mr Wing“, durch das besagte Amsterdamer Gericht. Der aus Deutschland stammende frühere Finanzvorstand Stefan Tilger ersetzt ihn seitdem.
In seinem aktuellen Urteil bestätigt das Gericht nun die Suspendierung Zhang Xuezhengs für die Dauer der Untersuchung, die in Kürze beginnen soll. Erst wenn ein Abschlussbericht vorliegt, könne über definitive Maßnahmen entschieden werden, heißt es in einer schriftlichen Mitteilung. Über die Dauer der Untersuchung könne aktuell nichts Näheres gesagt werden, doch seien „mehr als sechs Monate nicht ungewöhnlich“.
Konkret sieht das Gericht Anzeichen für zu wenig sorgfältiges Handeln und einen Interessenkonflikt. Dabei habe Zhang Xuezheng ohne Rücksprache mit anderen Vorstandsmitgliedern und unter Androhung von Sanktionen eine Strategieänderung beschlossen, habe Absprachen mit dem Wirtschaftsministerium nicht eingehalten, Zuständigkeiten europäischer Funktionsträger beschränkt und ihre Entlassung angekündigt.
Niederländisches Schutzgesetz
International in die Schlagzeilen gelangte der Konflikt um Nexperia, als das Wirtschaftsministerium in Den Haag Nexperia im September 2025 vorübergehend unter Aufsicht stellte. Dabei berief man sich auf das sogenannte Gesetz über die Verfügbarkeit von Waren, das 1952 für Notsituationen eingeführt, aber noch nie angewendet worden war. Wirtschaftsminister Vincent Karremans begründete den Schritt mit dem Erhalt wirtschaftlicher Sicherheit und „einer für Europa zentralen Wertschöpfungskette“.
Peking reagierte mit einem Exportverbot für den chinesischen Nexperia-Zweig, was in der Automobilindustrie für Panik wegen unsicherer Lieferketten sorgte. Im Spätherbst nahmen die Niederlande ihre Maßnahme zwar zurück, doch das Verhältnis zwischen den chinesischen und niederländischen Teilen des Unternehmens ist weiterhin massiv belastet, wie auch das Amsterdamer Gericht konstatierte. Wingtech erklärte über seine Anwält*innen gegenüber dem niederländischen BNR Nieuwsradio, das Urteil zu bedauern. Man habe gehofft, wieder vollen Zugriff auf das Tochterunternehmen zu bekommen.
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