Komödie von Zhang Yimou im Kino: Die Reise einer Filmrolle

Zhang Yimous Komödie „Eine Sekunde“ spielt zur Zeit der Kulturrevolution. Die chinesische Zensur hat ihn lange zurückgehalten.

Der Geflüchtete und das Waisenkind sitzen in der Wüste und ziehen die Filmrolle auf

In Zhang Yimous „Eine Sekunde“ wird einer Filmrolle arg mitgespielt Foto: MUBI

Durch den Sand, den der Wind über den Sandbergen der Wüste Gobi verweht, kämpft sich ein Mann aus dem Hintergrund voran: in den Vordergrund hinein, am Bildhorizont entlang, in die Weite der Landschaft hinaus. Als dieser schließlich in der Dunkelheit eine Kleinstadt erreicht, strömen die Menschen aus einer Veranstaltung. Zwei Männer verlassen als Letzte den Saal, schleppen Filmdosen heraus, die sie in den Seitentaschen eines Motorrads verstauen.

Der Auftritt der Protagonistin von Zhang Yimous „Eine Sekunde“, nämlich eine Filmrolle, könnte einem leicht entgehen: Beiläufig gleitet das Zelluloid für die „Wochenschau Nr. 22“ mit den übrigen Filmrollen in die Seitentasche. Dieser Filmrolle gilt die Sehnsucht der geschundenen Figur, die sich durch die Wüste gekämpft hat. Für ihn, den Flüchtigen aus einem Arbeitslager der chinesischen Kulturrevolution, verheißt sie ein medial vermitteltes, kurzes Wiedersehen mit der eigenen Tochter.

Doch gerade als er sich darauf einstellt, sein Glück am nächsten Tag, in der nächsten Stadt, bei der nächsten Vorführung versuchen zu müssen, schleicht eine Kontrahentin heran und macht sich mit einer der Filmdosen aus dem Staub. Der Flüchtige stellt die Diebin, aber die Kleinstadt hat sich schon zur Ruhe begeben. Niemand möchte die Filmdose zurückhaben. Am nächsten Tag folgt ein aberwitziger Staffellauf zwischen dem Flüchtigen und der Filmdiebin, der Waisen Liu, mit der Filmrolle quer durch die Wüste in die nächste Kleinstadt. Am Abend soll die Wochenschau als Vorfilm eines Filmprogramms laufen.

„Eine Sekunde“ hätte schon 2019 im Wettbewerb der Berlinale Premiere feiern sollen, hätte für Yimou die nahtlose Fortsetzung einer großen Regiekarriere des chinesischen Kinos sein sollen. Aus ominösen „technischen Gründen“ lief der Film jedoch nicht. Trotz Nachdrehs und Umarbeitungen wurde 2020 auch eine Premiere bei den Golden Rooster Awards abgesagt und der Film lief erstmals am 26. November 2020 mit anderthalb Jahren Verspätung im China Film Archive in Peking. Auch Zhangs nächster Film „Under the Light“/„Solid as a Rock“ lag nach Ende der Dreharbeiten im September 2019 bis letzten Sommer auf Eis.

„Eine Sekunde“. Regie: Zhang Yimou. Mit Zhang Yi, Liu Haocun u. a. China 2020, 103 Min.

Was auch immer die konkreten Einwände gegen die ursprüngliche Fassung von „Eine Sekunde“ waren, sie haben die Filmografie eines der wichtigsten chinesischen Regisseure der Zeit nach der Kulturrevolution aus dem Tritt gebracht. Erst mit zwei politisch weniger heiklen Filmen, dem Spionagethriller „Cliff Walkers“ aus der Zeit der japanischen Besetzung von Teilen Chinas und „Snipers“, einem konzentrierten Duell zweier Gruppen von Scharfschützen im Koreakrieg, kehrte wieder Ruhe ein in die Produktionsabläufe von Zhang Yimous Filmen.

Zelluloid, zerschnitten und zusammengeklebt

Als in „Eine Sekunde“ schließlich auch die Wochenschau, der unser namenloser Flüchtling hinterherjagt, wieder auftaucht, hängt sie hinten an einem Eselskarren und hat mit den Filmstreifen des Hauptfilms ein längliches Knäuel gebildet. Wie überhaupt die Filmrolle mit den ersehnten Aufnahmen bei Yimou gründlich malträtiert wird. Sie wird durch den Wüstensand geschleift und als Endlosschlaufe durch den Raum gespannt. Der Film wird gewaschen, abgewischt, bekommt Luft zugefächert, wird zerschnitten und wieder zusammengeklebt.

„One Second“, so der internationale Titel, eine Sekunde lang ist die Tochter des Geflüchteten auf den Bildern der Wochenschau zu sehen. Wieder und wieder lässt sich der Vater die Bilder seiner Tochter, die nach der Verurteilung zum Arbeitslager jeden Kontakt mit ihm abgebrochen hat, vorführen. Und während der Geflüchtete sich nach dem Inhalt der Bilder sehnt, will die Waise Liu aus den Filmstreifen einen Lampenschirm für ihren kleinen Bruder kleben. „Eine Sekunde“ ist eine Spielfilm gewordene Ode an den fotochemischen Film und seine Unverwüstlichkeit.

Zhang Yimou muss sich bewusst gewesen sein, dass es heikel sein würde, seinen Film in der Kulturrevolution anzusiedeln. Unter Xi Jinping häufen sich gewissermaßen die positiven Bezüge auf diese Zeit des Terrors. Umso interessanter ist die Wahl jenes Films, der auf den Kinoabenden in „Eine Sekunde“ als Hauptfilm nach der Wochenschau läuft. „Heroic Sons and Daughters“ (1964) handelt von einem chinesischen Offizier, der im Koreakrieg auf Umwegen seine Tochter wiederfindet. Zwanzig Jahre zuvor hatte der Offizier, damals noch als Revolutionär im Untergrund, seine Tochter einer Nachbarin übergeben, nachdem seine Frau von der Guomindang, der Nationalen Volkspartei, getötet wurde.

Der Film basiert auf dem Roman „Reunion“ (1961) von Ba Jin, einem der wichtigsten chinesischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Obwohl Ba Jin schon vor der Gründung der Volksrepublik China in linken Literatenkreisen verkehrte und nach dem Krieg Anschluss an die Kommunistische Partei fand, war er während der Kulturrevolution brutaler Verfolgung ausgesetzt.

Ausgerechnet die historischen Filmausschnitte schlagen eine Brücke in die Gegenwart des chinesischen Films, in der immer wieder aufs Neue Schlachten des Koreakriegs geschlagen werden, heroische Massen durchs Bild stürmen und die Amerikaner in die Flucht schlagen.

Jene Zeiten, in denen Regisseure wie Zhang Yimou in den späten 1980er Jahren begannen, nach Formen zu suchen für die Transformation des Landes, sind lange vergangen. Zhang Yimous Hommage an den analogen Film in „Eine Sekunde“ wirkt wie ein Abgesang auf bessere Zeiten des chinesischen Kinos.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de