Kommentar: Der Supermarkt ist keine Apotheke
Lebensmittel, die besonders gesund machen sollen, sind mit Vorsicht zu genießen. Denn oft bewirken sie das Gegenteil.
M argarine mit Holzfaser-Extrakt gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten, Schokolade mit Phosphatverbindungen fürs fitte Gedächtnis, Brot mit Omega-3-Fettsäuren gegen Thrombosen. Auch gegen morsche Knochen, Durchfall und schlaffe Immunsysteme finden sich passend designte Lebensmittel. Selbst der Krebs soll mit der Extraportion Shiitakepilz-Extrakt vertrieben werden. Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit ist so wenig ausrottbar wie der Glaube, sich gesundessen zu können. "Funktionelle Lebensmittel" heißt die rentierliche Kreuzung aus Arznei und Nahrung, die immer neue Gesundmacher produziert, die so überflüssig sind wie ein Kropf. Türöffner war jener probiotische Joghurt, der mit Fäkalkeimen für die Darmflora aufgerüstet wurde, womit gelungen ist, aus Sch Geld zu machen.
Manchmal sind die zugesetzten Helferlein aber nicht nur wirkungslos, sondern schädlich. Beta-Carotin erwies sich in einigen Studien als krebsfördernd. Jetzt sind Cholesterinsenker in Verruf geraten. Speziell angereicherte Margarine- und Milchprodukte, die unsere Bluttfette im Zaum halten sollen, werden wie Smarties weggefuttert - egal wie hoch die Cholesterinwerte tatsächlich sind. Kann ja nichts schaden. Abgesehen davon, dass sich die Medizin heftig darüber streitet, wie gefährlich hohe Cholesterinwerte überhaupt sind, zeigt das Beispiel erneut den Wildwuchs der funktionellen Nahrungsmittel. Die jetzt geforderten Warnhinweise - nur bei hohem Cholesterinspiegel! - greifen zu kurz. Produkte mit arzneilicher Wirkung können nicht wie Äpfel und Birnen verkauft werden. Sie gehören in die Apotheke.
Wissenschaftlich abgesichert ist die Wirkung der wenigsten funktionellen Lebensmittel. Nur in Ausnahmefällen belegen seriöse Studien den behaupteten Gesundheitswert. Ab 1. Juli soll sich hier einiges ändern. Dann müssen die Hersteller den gesundheitlichen Nutzen solcher Produkte nachweisen. Es wird spannend, zu verfolgen, wie konsequent die neue EU-Verordnung umgesetzt wird. Und wie viele Heilsbringer dann aus den Regalen verschwinden.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert