Kommentar zur Abtreibungsdemo : Mit Fundis leben
Fundamentalistische Christen sind teils nicht weniger antidemokratisch, antiemanzipiert und aggressiv als manche islamischen Fundis. Beiden sollte man mit Gelassenheit begegnen.
Da marschieren hunderte erbitterte Abtreibungsgegner am Samstag durch die Stadt. Mit christlichen Symbolen und religiösen Begründungen fordern sie die Änderung bestehenden Rechts, das nach ihrem Verständnis zu liberal ist. Natürlich gibt es eine Gegendemo - das ist gut und wichtig. Und dennoch nimmt die breite Öffentlichkeit das Ereignis wohl eher gelassen: Das sind halt so ein paar Spinner.
Nur mal angenommen, es handelte sich nicht um christliche, sondern um muslimische Fundamentalisten, die da ihr Recht auf freie Meinungsäußerung geltend machten. Man kann sich leicht vorstellen, welch erregte Debatte dann losbräche: Die grundsätzliche Rückständigkeit des Islams, seine Unfähigkeit zu Demokratie und Toleranz würden beschworen und mit unzähligen Beispielen aus der näheren und ferneren Umgebung sowie Koranzitaten belegt.
Das kann man Islamophobie nennen. Etwas weniger effekthascherisch kann man es vielleicht auch ganz einfach mit Fremd- und Vertrautheit, Nähe und Ferne begründen. Fundamentalistische Christen sind teils nicht weniger antidemokratisch, antiemanzipiert und aggressiv als manche islamischen Fundis. Dennoch fällt es eingeborenen Abendländlern leicht, sie als die zwar unangenehme, aber marginale Minderheit zu erkennen, die sie innerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft sind. Mit dieser Gelassenheit auch fundamentalistischen Randgruppen anderer Religionen zu begegnen, stünde einer Einwanderungsgesellschaft wie unserer gut. Gegendemos selbstverständlich auch dann.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert