piwik no script img

Kommentar Zuzana Čaputovás WahlsiegDas Ende der alten Slowakei

Kommentar von

Alexandra Mostyn

Für ihre WählerInnen verkörpert Zuzana Čaputová einen politischen Neuanfang. Auf der künftigen Präsidentin lasten nun hohe Erwartungen.

D ie Slowaken leben auf“ – stünden diese Worte nicht schon in der slowakischen Nationalhymne, müsste man sie jetzt nach dem Wahlsieg von Zuzana Čaputová glatt reinschreiben. Die 45-Jährige wurde nicht aufgrund ihrer beeindruckenden Bilanz als Anwältin der kleinen Leute und Umweltaktivistin zur neuen Präsidentin gewählt. Viele Slowaken haben auch deshalb für sie gestimmt, weil sie genug haben von der Arroganz der Macht und den mafiösen Verstrickungen, die sich unter der sozialdemokratischen Partei Smer und ihrem Vorsitzenden Robert Fico ausgebreitet haben.

Der Triumphzug Čaputovás begann mit dem Fall Ficos als Ministerpräsident im vergangenen Jahr. Ihr Wahlerfolg am vergangenen Samstag zeigt, dass die Massendemonstrationen nach dem Mord an dem Journalisten Ján Kuciak nicht nur ein politisches Rumoren waren. Sondern ein Aufwachen. Damals, im Frühjahr 2018 stand Čaputová noch inmitten der Tausenden von Demonstranten.

Mit ihrem Sieg ist sie nun nicht nur Präsidentin geworden, was in der Slowakei, ähnlich wie in Deutschland, ein vor allem repräsentatives Amt ist. Für die Bevölkerung ist sie eine Ga­lions­figur, die dafür sorgen soll, dass Fico und sein mafiöser Regierungsstil weiter im politischen Abseits bleiben, in die sie seit dem Journalistenmord geraten sind. Die größte Herausforderung, der Čaputová nun gegenübersteht, sind die Hoffnungen und Erwartungen, die die Slowakinnen und Slowaken in sie gesetzt haben und die man, wollte man es in einem Hashtag sagen, unter #füreineanständigeSlowakei zusammenfassen könnte.

Čaputovas Erfolg belegt, was viele schon während der Demonstrationen 2018 gehofft haben: Die Schüsse auf Ján Kuciak und seine Verlobte haben das Ende der alten Slowakei eingeläutet. Was andererseits – so zynisch es klingt – bedeutet, dass ohne diesen brutalen Doppelmord wohl alles beim Alten geblieben wäre. Bleibt zu hoffen, dass in Zukunft nicht wieder erst Menschen sterben müssen, um die Slowaken aufleben zu lassen.

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Alexandra Mostyn Auslandskorrespondentin Tschechische Republik

Mehr zum Thema

0 Kommentare