Kommentar Türkei: Bürgerkrieg naht
Türken und Kurden sind derzeit nicht der Lage miteinander zu sprechen. Ein Krieg scheint unvermeidlich - und es ist zu befürchten, dass daraus ein Bürgerkrieg wird.
M an kennt es aus einer unglücklichen Beziehung: Jeder Konflikt eskaliert sofort und könnte das Ende bedeuten - es sei denn, man setzt sich hin und einigt sich mit einem klärenden, ehrlichen Gespräch über das weitere Vorgehen. Dazu scheinen weder Türken noch Kurden fähig. Im Gegenteil.
Die Kurden beklagen zu Recht eine menschenunwürdige Behandlung seit der Gründung der Türkei. Die zwanzig kurdischen Abgeordneten, die im türkischen Parlament sitzen, haben das am eigenen Leib erlebt: Sie verloren ihre besten Jahre im Gefängnis, haben Folter und Illegalität hinter sich. Die Menschenrechtsverletzungen Ankaras und die Gegengewalt der PKK-Miliz prägen ihre Biografien. Zwar sitzen sie heute stolz als Kurden im Parlament, können kurdische Tageszeitungen und Zeitschriften am Kiosk kaufen und haben eine reale Perspektive auf ein Wahlfach Kurdisch in öffentlichen Schulen. Doch ihre Liebe zur Türkei scheint unwiederbringlich verloren. Sie haben keine Lust mehr, die Türken um kleine Zugeständnisse zu bitten. Zudem kämpfen in den Bergen im Südosten des Landes tausende bewaffnete PKKler, die ihnen jeden "Kompromiss" mit der Regierung verbieten.
Nicht alle türkischen Kurden wollen eine Abspaltung, wohl aber ihre Führer. Kein offizieller Minderheitenstatus stellt sie mehr zufrieden, denn im Nordirak blüht mit westlicher Hilfe ein Staat auf, dem sie sich anschließen wollen. Es soll zusammenwachsen, was zusammengehört. Und genau das will Ankara mit seinen Truppen verhindern. Ein anderes Konzept, um den Konflikt zu lösen, hat die Regierung Erdogan offenkundig nicht.
Hilfe von außen ist kaum zu erwarten. Die EU ist wie immer mit sich selbst beschäftigt und kümmert sich nicht um Völker, die weit hinten in der Türkei einander töten. Die USA wiederum wollen weder Türken noch Kurden verprellen. So scheint ein Krieg unvermeidlich. Man kann nur hoffen, dass er auf das Grenzgebiet beschränkt bleibt. Doch es ist zu befürchten, dass daraus ein Bürgerkrieg wird - und alle schauen zu. Bis Kurden und Türken auch in Istanbul oder Frankfurt aufeinander losgehen? Erst wenn es so weit ist, wird wohl die Gefährlichkeit des aktuellen Konfliktes erkannt.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert