Kommentar Streit um Tempelberg: Terror in neuem Gewand
Die Schüsse auf einen Rabbi in Jerusalem folgen einem neuen Muster. Die Zwei-Klassen-Gesellschaft bietet den Nährboden der Gewalt.
D er Mordanschlag gegen den jüdischen Tempelberg-Aktivisten Jehuda Glick zeugt von einer neuen Qualität des palästinensischen Widerstands gegen die israelische Besatzung.
Bislang folgten fast alle Terroranschläge in zwei Punkten einem wiederkehrenden Muster: zum einen die Willkür bei der Wahl der Opfer, zum anderen die Bereitschaft, selbst mit in den Tod zu gehen. Die Schüsse am Mittwochabend aber galten niemand anderem als Jehuda Glick. Sein Tod sollte die radikal jüdischen Kräfte stoppen oder jedenfalls einschüchtern, denen der Sturm des Tempelbergs vorschwebt. Und: Der Anschlag war geplant, der Schütze hoffte, unerkannt zu entkommen.
Die Methode des Überfalls, bei dem der Täter auf einem Motorrad kam und dann die Pistole zückte, um aus unmittelbarer Nähe mehrere Schüsse abzugeben, erinnert eher an Bandenkriege als an den palästinensischen Widerstand. Schon kommt Hoffnung auf, die radikalen Siedler und die palästinensischen Kämpfer könnten, ähnlich wie Kriminelle und Polizei, die Sache unter sich ausmachen und den Rest der Leute außen vor lassen.
Man wünscht sich, dass nur keine Babys mehr überfahren werden, wie vor wenigen Tagen aus vermutlich den gleichen, terroristischen Gründen. Doch in beiden Fällen ging es bei der Gewalt um politische Ziele, in beiden fühlten sich die Täter als vom eigenen Volk beauftragt. Terror ist Terror.
Die einzige Hoffnung, dem Terror ein Ende zu machen, ist, den Nährboden für die politische Gewalt auszudörren. Für Besatzungsmacht und besetztes Volk gelten zweierlei Recht, was besonders schmerzlich für die Palästinenser in Jerusalem spürbar wird. In der de facto geteilten Stadt der beiden Völker, die Israel gänzlich für sich beansprucht, sind Muslime und Christen Bürger zweiter Klasse.
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