piwik no script img

Kommentar Strategie von Schwarz-GelbDie ganz alten Reflexe

Stefan Reinecke

Kommentar von

Stefan Reinecke

Die schwarz-gelbe Politik ist derzeit ziemlich unbeliebt. Die Wähler mögen weder die Gesundheitsreform noch AKW-Laufzeitverlängerung.

S chwarz-Gelb will verstärkt gegen Zwangsehen und Integrationsverweigerer vorgehen. Konservative Innenpolitiker wie Wolfgang Bosbach kündigen an, dass nun streng durchgegriffen werde.

Also wird ein Gesetz verabschiedet, die Regierung tut etwas. Wer näher hinschaut, erkennt den reinen Aktionismus. Zwangsehen sind längst strafbar, abstrus sind die grimmigen Bekundungen, sich nun die Integrationsverweigerer vorzuknöpfen. Ausländern, die ohne Begründung den obligatorischen Sprachkurs schwänzen, wird schon jetzt Hartz IV gestrichen, sie können deswegen sogar ausgewiesen werden. Laut Bundesamt für Migration sind sowieso nur Einzelfälle bekannt, in denen sich Migranten um den Kurs gedrückt haben. Dafür gibt es Tausende, die ihn gern freiwillig belegen würden, dies aber mangels Angebot nicht können. Die Union erweckt trotzdem unverdrossen den Eindruck, jetzt endlich ein wesentliches, von den Multikulti-Ideologen verschlepptes Problem der Einwandererpolitik anzupacken.

Kurzum: Der "Integrationsverweigerer" entspricht allen Vorurteilen, die gerade kursieren. Er ist faul, weigert sich, Deutsch zu lernen, kassiert Hartz IV und hält sich nicht an unsere Regeln. Der "Integrationsverweigerer" ist die ideale Projektionsfläche, auf die die Union die hässliche, durch die Sarrazin-Debatte sichtbar gewordene Wut der Mehrheitsgesellschaft lenken will. Ein bekanntes Muster.

Stefan Reinecke ist Inlandsredakteur der taz.

Die schwarz-gelbe Politik ist derzeit ziemlich unbeliebt. Die Wähler mögen weder die Gesundheitsreform noch AKW-Laufzeitverlängerung. Offenbar liegt es für die Konservativen noch immer nahe, wie in einem Reflex billig Punkte auf Kosten von Minderheiten zu machen. War die Union nicht schon mal ein bisschen weiter?

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Stefan Reinecke

Stefan Reinecke Korrespondent Parlamentsbüro

Stefan Reinecke arbeitet im Parlamentsbüro der taz mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.
Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • HH
    @ HamburgerX

    Deswegen fordert ja beispielsweise Die Linke auch, die Spielregeln (ungezügelter Kapitalismus) zu ändern, statt die Spieler (böse Banker als Sündenböcke) für heute regelkonformes Verhalten abzustrafen.

  • H
    HamburgerX

    Kurzum: Der "gierige Banker" entspricht allen Vorurteilen, die gerade kursieren. Er ist gewissenlos, weigert sich, Anstand zu lernen, kassiert Boni und hält sich nicht an die Bafin-Regeln. Der "gierige Banker" ist die ideale Projektionsfläche, auf die die Opposition die hässliche, durch die HypoRealEstate-Debatte sichtbar gewordene Wut der Mehrheitsgesellschaft lenken will. Ein bekanntes Muster.

     

    Merkt ihr was?