piwik no script img

Kommentar Stammzellen-Urteil Forschen bleibt erlaubt

Christian Rath

Kommentar von

Christian Rath

Der Schutz des Embryos "von Anfang an" ist kein Ziel. Ab wann ein Embryo zum Mensch wird und damit tabu ist, sollte allein von der Gesellschaft beantwortet werden.

W andern europäische Stammzellforscher jetzt massenweise in die USA oder nach China aus? Werden dort jetzt die Lösungen für Krankheiten wie Alzheimer entwickelt, die wir eines Tages teuer von dortigen Konzernen einkaufen müssen?

Das befürchten manche, nachdem der Europäische Gerichtshof das Patentrecht sehr streng ausgelegt hat: Forschungsmethoden, bei denen Embryonen zu Schaden kommen, dürfen in Europa nicht patentiert werden.

Doch ob das die Wissenschaft tatsächlich spürbar beeinträchtigt, bleibt abzuwarten. Schließlich besteht ja kein Forschungs-, sondern nur ein Patentverbot. Wissensdurst aber braucht keinen Patentanreiz. Und wenn weniger Geld von Konzernen fließt, dann muss eben der Staat seine Grundlagenforschung ausweiten - wenn es denn so wichtig ist.

CHRISTIAN RATH

ist rechtspolitischer Korrespondent der taz.

Patentkritiker finden sogar, dass Patente die Forschung mehr behindern als anstacheln. Vielleicht ist das weitgehende Patentverbot also nur ein symbolischer Akt. Wahrscheinlich hat es aber doch eine gewisse steuernde Wirkung: Schon jetzt hat sich die Forschung mehr den körpereigenen Zellen zugewandt, etwa um aus ihnen Reparaturgewebe zu entwickeln. Ohne Embryonenverbrauch.

Allerdings ist der Schutz des Embryos "von Anfang an" auch kein Ziel, das sich von selbst versteht. Das strenge deutsche Embryonenschutzgesetz war 1990 ein Kotau der Kohl-Regierung vor den Kirchen. Ab wann der Embryo zum Mensch wird und damit tabu ist, sollten allerdings nicht nur Religiöse und Technikkritiker beantworten, sondern die Gesellschaft.

Bewährte Demokratien wie Großbritannien sind bei der Forschung mit menschlichen Zellhaufen viel großzügiger als Deutschland. Beim Urteil des Europäischen Gerichtshofs hat aber offensichtlich das deutsche Denken gesiegt.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Christian Rath

Christian Rath Rechtspolitischer Korrespondent

Geboren 1965, Studium in Berlin und Freiburg, promovierter Jurist, Mitglied der Justizpressekonferenz Karlsruhe seit 1996 (zZt Vorstandsmitglied), Veröffentlichung: „Der Schiedsrichterstaat. Die Macht des Bundesverfassungsgerichts“ (2013).
Mehr zum Thema

0 Kommentare