Kommentar Schwangerenvorsorge: Babyfernsehen ist erwünscht

Die Krankenkassen umgarnen schwangere Frauen mit nicht notwendigen Vorsorgeangeboten. Denn die Mütter sind für die Kassen „gute Risiken“.

Von den Krankenkassen umgarnt: Junge schwangere Frauen. Foto: dpa

Der medizinische Fortschritt hat Schwangerschaft und Geburt verändert. Dank präziser Ultraschalluntersuchungen etwa ist es möglich, Erkrankungen und Fehlbildungen bei Ungeborenen bereits im Mutterleib zu diagnostizieren und – zumindest teilweise – dort auch erfolgreich zu behandeln. Viele Kinder, die noch vor 50 Jahren keine Überlebenschance gehabt hätten, werden heutzutage geboren – oft mit der Aussicht auf ein nicht vorbelastetes Leben.

Das Problem beginnt wie überall in der Medizin dort, wo mit der – sinnvollen und berechtigten – Vorsorge Schindluder getrieben wird. Wo also Untersuchungen mit dem erkennbar einzigen Nutzen durchgeführt werden, dass sich mit der Unsicherheit werdender Mütter ein prima Geschäft machen lässt und dass die damit einhergehende, zunehmende Pathologisierung von Schwangerschaften geradezu zwangsläufig immer neue Angebote und Nachfragen schaffen wird.

Diese Kritik einzig an die Adresse der Frauenärzte zu richten, griffe indes zu kurz. Es sind insbesondere Krankenkassen, die junge Frauen mit zusätzlichen Vorsorgeangeboten umgarnen, die weit über die Regelvorsorge aus dem gesetzlichen Leistungskatalog hinausgehen und dennoch erstattet werden.

Denn für die Kassen lohnt sich die Kostenübernahme dieser unnötigen Maßnahmen doppelt: Zum einen steigern junge Frauen die Attraktivität der jeweiligen Kasse in der Außenwahrnehmung – also im Wettbewerb mit den anderen Versicherungen. Zum anderen zählen junge Frauen im Kassenjargon zu den „guten Risiken“, was so viel heißt, dass sie gemeinhin kaum krank sind.

Solange der Wettbewerb zwischen den Kassen politisch erwünscht ist, ist dieses Verhalten nur systemkonform. Babyfernsehen auf Kosten der Solidargemeinschaft – man kann sich darüber zu Recht fürchterlich aufregen. Die Fehlanreize freilich verantworten Ärzte wie Kassen wie Politiker gleichermaßen.

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Heike Haarhoff beschäftigt sich mit Gesundheitspolitik und Medizinthemen. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einem Kinderheim bei Paris ab 1989 Studium der Journalistik und Politikwissenschaften an den Universitäten Dortmund und Marseille, Volontariat beim Hellweger Anzeiger in Unna. Praktika bei dpa, AFP, Westfälische Rundschau, Neue Rhein Zeitung, Lyon Figaro, Radio Monte Carlo, Midi Libre. Bei der taz ab 1995 Redakteurin für Stadtentwicklung in Hamburg, 1998 Landeskorrespondentin für Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern und von 1999 bis 2010 politische Reporterin. Rechercheaufenthalte in Chile (IJP) und den USA (John McCloy Fellowship), als Stipendiatin der Fazit-Stiftung neun Monate Schülerin der Fondation Journalistes en Europe (Paris). Ausgezeichnet mit dem Journalistenpreis der Bundesarchitektenkammer (2001), dem Frans-Vink-Preis für Journalismus in Europa (2002) und dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse (2013). Derzeit Teilnehmerin am Journalistenkolleg "Tauchgänge in die Wissenschaft" der Robert Bosch Stiftung und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

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