Kommentar Opel: Nüchtern betrachtet
Opel ist Opfer eines überfälligen Strukturwandels. Der Autobauer agiert auf einem gesättigten Markt. Und die planvolle Insolvenz ist die einzige Alternative zu teuren Rettungsversuchen.
Wenn der Staat die Banken rettet, warum dann Opel vor die Hunde gehen lassen? Diese Frage tausender protestierender Opelaner, Händler und Zulieferer, die nun um ihre Jobs bangen, ist verständlich. Doch in dieser emotional aufgewühlten Lage hilft nur die nüchterne Analyse. Die zeigt: Opel ist weniger Opfer der Finanzkrise als eines längst überfälligen Strukturwandels. Der Autobauer agiert auf einem gesättigten Markt. Und es ist nicht Sache der Bundesregierung, dafür zu sorgen, dass Opel in dieser prekären Lage eine unternehmerische Zukunft hat.
Bevor die Bundesregierung nun reflexartig weitere Milliarden Steuergelder zur Rettung angeschlagener Branchen mobilisiert, muss sie zunächst ein Konzept dafür haben, wie sie mit der absehbaren Eskalation der Weltwirtschaftskrise umgehen wird. Eine Rettung des Bankensystems war nötig, denn sein Zusammenbruch hätte zweifellos alle anderen Wirtschaftszweige mit sich in den Abgrung gerissen. Gemessen daran ist Opel nicht "systemrelevant". Steigt man dennoch bei Opel als Eigentümer ein, macht man sich eines ordnungspolitischen Sündenfalls schuldig. Die Frage ist auch: Wo endet danach das staatliche Engagement? Schon jetzt wird in der gesamten Stahl- und in der Textilindustrie laut über Jobabbau nachgedacht. Mit welcher Begründung könnte man hier Steuergelder verwehren, die man Opel noch großzügig gewährte? Die planvolle Insolvenz von Opel bietet deshalb die einzige Alternative zu teuren Rettungsversuchen einer anachronistischen Industrie.
Die einstige Zechenstadt und Opel-Hochburg Bochum ist diesen Weg bereits gegangen. Nur noch ein Drittel der Arbeitsplätze findet sich im produzierenden Gewerbe. Universitäten und Fachhochschulen sind heute die größten Arbeitgeber. Einen solchen Strukturwandel sollte der Staat weiter unterstützen. So wie in Schweden: Dort hat die Regierung den Autobauer Saab nicht vor der Insolvenz gerettet. Der Bau von Autos biete keine industrielle Perspektive mehr, urteilte die schwedische Wirtschaftsministerin. Die vielen qualifizierten Saab-Mitarbeiter seien in zukunftsträchtigen Branchen wie den erneuerbaren Energien besser untergebracht.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert