Kommentar Ludwigshafen: Erwünschte Einmischung
Die türkischen Ermittlungen in Ludwigshafen sind eine Chance, Vertrauen zu schaffen.
Seit gestern sind vier türkische Kriminalbeamte in Ludwigshafen eingetroffen, um den Ursachen des verheerenden Großbrands nachzugehen, bei dem am Wochenende neun Menschen zu Tode kamen. Es ist gut, dass die Kollegen aus der Türkei die Polizei in Rheinland-Pfalz unterstützen. Ihre Mitarbeit kann dazu beitragen, dem Eindruck entgegenzuwirken, die deutschen Behörden würden die Hinweise auf eine mögliche Brandstiftung nicht ernst genug nehmen.
Dieser Eindruck verdankt sich vor allem den Erfahrungen aus den frühen Neunzigerjahren, als die damals politisch Verantwortlichen auf den mörderischen Brandanschlag auf eine türkische Familie in Solingen zunächst mit Ignoranz und später mit Taktlosigkeit reagierten. Von offizieller Seite wurden die rassistischen Motive des Anschlags, dem andere fremdenfeindliche Anschläge in Mölln, Rostock und Cottbus vorausgegangen waren, zunächst heruntergespielt. Später weigerte sich Bundeskanzler Kohl, den Angehörigen der Opfer zu kondolieren. Das hat den deutsch-türkischen Beziehungen damals schwer geschadet.
Jetzt hat die deutsche Seite die Chance, wieder Vertrauen zurückzugewinnen - indem sie, wie die Behörden in Ludwigshafen, den türkischen Befürchtungen Rechnung trägt, statt sie, wie es Innenminister Schäuble zunächst getan hat, reflexhaft als "Frechheit" zu denunzieren. Oder indem die Polizei dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan bei seinem heutigen Besuch in Ludwigshafen versichert, alles Nötige zu tun, um die Brandursache aufzuklären, statt die Möglichkeit eines fremdenfeindlichen Anschlags vorschnell auszuschließen, wie es SPD-Chef Kurt Beck getan hat.
Die Toten waren allesamt Angehörige einer Großfamilie aus Gaziantep, einer Industriestadt an der syrisch-türkischen Grenze. Nicht nur dort sind fast alle davon überzeugt, dass ihre Landsleute im fernen Deutschland Opfer eines fremdenfeindlichen Brandanschlags geworden sind. Dass ein türkischer Ministerpräsident ihre Befürchtungen ernst nimmt und sich im Ausland für türkische Staatsbürger einsetzt, ist für sie eine neue und gute Erfahrung. Man sollte das nicht als unzulässige Einmischung missverstehen. JÜRGEN GOTTSCHLICH
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