Kommentar Lehman : Keineswegs auf Augenhöhe
Die Lehman-Pleite hat gezeigt, dass es nicht angeht, die Verbraucher zu privater Altersvorsorge auf die Kapitalmärkte zu treiben, ohne sie dafür mit ordentlichen Informationen und Rechten auszustatten.
Die Lehman-Pleite war ein GAU - für mehr als 40.000 meist betagte Geldanleger in Deutschland, die das Geld für ihre Altersvorsorge in der US-Bank investiert hatten. Den wenigsten dürfte es gelingen, sich das verlorene Vermögen per Gericht wiederzuholen. Denn dazu müssen sie den Zertifikate-Verkäufern die Falschberatung nachweisen.
Die Lehman-Pleite war aber auch ein Glücksfall - für künftige Anleger. Sie hat gezeigt, dass es nicht angeht, die Verbraucher zu privater Altersvorsorge auf die Kapitalmärkte zu treiben, ohne sie dafür mit ordentlichen Informationen und Rechten auszustatten. Offenbar hat das auch die Bundesregierung kapiert. Dieser Tage verabschiedete sie einen Gesetzentwurf, nach dem die Finanzvermittler ihre Verkaufsgespräche nun für die Kunden dokumentieren müssen. Das ist ein wichtiger Schritt. Denn tatsächlich verlassen sich die Kunden bei Geldgeschäften immer noch gern blind auf die vermeintlichen Berater.
Mit der Dokumentationspflicht allein ist es nicht getan. Sie vereinfacht es den Geschädigten zwar, mangelhafte Beratungen zu belegen. An den ungleichen Verhältnissen ändert sie jedoch nichts. Um Finanzvermittler und Kunden auf Augenhöhe zu bringen, müssen auf der einen Seite Provisionen verboten oder auf die gesamte Laufzeit von Verträgen verteilt und unabhängige Beratungen etwa durch Verbraucherzentralen ausgebaut werden. Auf der anderen gehören Finanzaufklärung und Überschuldungsprävention in die Lehrpläne, um die finanzielle Allgemeinbildung zu verbessern. Zusätzlich würde ein TÜV für Finanzprodukte für mehr Sicherheit sorgen. Und überhaupt packt man die Verantwortung für den Anlegerschutz am besten dorthin, wo die Banken kontrolliert werden: in die Bundesfinanzaufsicht.
Nur so können aus Kunden kompetente Geldanleger werden. Und das ist genauso wichtig für die Stabilisierung und Neuausrichtung der Finanzmärkte wie die Wiederherstellung des Vertrauens unter den Banken, die sich der Bund mehrstellige Milliardenbeträge kosten lässt - und es ist viel billiger zu haben. BEATE WILLMS
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