Kommentar Gewalteskalation im Sudan

Wem Menschenleben egal sind

Wochenlang galt Karthum als Herz der Revolution. Nun geht das Militär gegen Demonstranten vor. Das könnte im Bürgerkrieg enden.

Brennende Reifen auf einer Straße, im Hintergrund eine Menschenmenge

Sudan als Spielfeld für den Größenwahn von Diktatoren? Die Sudanesen hätten das Nachsehen Foto: reuters

Die Eskalation in Khartum war abzusehen. Ob auf dem Tahrirplatz in Kairo oder dem Perlenplatz in Bahrain im Jahr 2011 oder auch drei Jahre später auf dem Maidan in Kiew – autoritäre Systeme halten es nie sehr lange aus, wenn das Volk sich einen zentralen städtischen Raum in Besitz nimmt und daraus einen Freiraum für eine neue Politik und eine neue Gesellschaft macht.

Der Platz vor dem Militärhauptquartier in Sudans Hauptstadt war jetzt immerhin fast zwei Monate lang das Herz der sudanesischen Revolution. Solange dieses Happening unangetastet blieb, war die Hoffnung auf einen „neuen Sudan“ noch lebendig.

Nun machen die Gewaltherrscher, denen Menschenleben im Sudan schon immer egal waren, Tabula rasa. Der Zeitpunkt ist symbolträchtig: Nach dem Ramadan, wenn das Leben nach einem Monat nächtlichen Ausschweifens in geordnete Bahnen zurückkehrt, soll auf den Straßen wieder Ordnung herrschen.

Dass an vorderster Front gegen die Protestbewegung jetzt die RSF-Miliz steht, an deren Händen das Blut aus dem Krieg in Darfur vor fünfzehn Jahren klebt, ist ein ebenso deutliches Zeichen. Der brutalste Gewaltakteur Sudans ergreift die Initiative – und erhebt damit zugleich einen klaren Machtanspruch innerhalb des in rivalisierende Fraktionen gespaltenen Militär- und Sicherheitsapparats.

Der regierende Militärrat im Sudan will binnen sieben Monaten Neuwahlen ansetzen. Die Wahlen würden unter internationaler Beobachtung stehen, kündigte der Chef des Rats, General Abedel-Fattah Burhan, am frühen Dienstagmorgen an. Die Bekanntgabe folgte auf ein gewaltsames Vorgehen von Sicherheitskräften gegen ein Protestcamp von prodemokratischen Aktivisten in der Hauptstadt Khartum mit mindestens 35 Toten. (ap)

Für Sudan brechen damit wohl düstere Zeiten an. Die Revolutionäre werden nicht klein beigeben, die Generäle auch nicht. Schlimmstenfalls droht ein Bürgerkrieg nach syrischem Muster, aber mit von Anfang an verworrenen Fronten, da es kein allseits anerkanntes und geeintes staatliches Machtzentrum mehr gibt. Und das wäre ein ideales Terrain für die Autokraten in Kairo und Riad, Sisi und Salman.

Sie könnten in die Versuchung geraten, sich am Nil als regionale Ordnungsmächte zu profilieren, nachdem ihre aktuellen Versuche in Libyen und Jemen permanent schiefgehen. Sudan als Spielfeld für den Größenwahn arabischer Diktatoren? Die Sudanesen hätten das Nachsehen. Aber sie galten ja schon immer als Araber zweiter Klasse.

.

Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben