Kommentar Gentrifizierung St. Georg: Mit Polizei zum Yuppie-Idyll
Prostitution ist in St. Georg heute nicht verbotener als vor fünf Jahren. Deswegen gibt es auch keinen Grund, an der Bußgeldschraube zu drehen.
A nwohnerbeschwerden führt die Polizei als Grund dafür an, dass sie die Sexarbeiterinnen in St. Georg nun verstärkt zur Kasse bittet. Das ist sogar plausibel: St. Georg hat in den letzten 20 Jahren eine beispiellose Aufwertung erlebt. Hunderte Wohnungen sind in Eigentum umgewandelt worden. Wohl kein Stadtteil hat so einen gründlichen Bevölkerungsaustausch erlebt. Nur eine Frage der Zeit, wann die neuen Herren feststellen, dass das pittoreske Lokalkolorit auch seine unangenehmen Seiten hat.
Wer eine halbe Million für seine Wohnung hingelegt hat, ist eben nicht scharf darauf, auf dem Heimweg von Junkies angekobert zu werden, die sich kaum auf den Beinen halten können. Und wer wegen der tollen Kneipenszene hergezogen ist, möchte beim Feierabendbier nicht vom Freierverkehr gestört werden. Alles verständlich.
Nur, dass die Polizei bereit steht, um den Yuppies das erträumte Idyll zu verschaffen, kann nicht angehen. Prostitution ist in St. Georg heute nicht verbotener als vor fünf Jahren. Deswegen gibt es auch keinen Grund, an der Bußgeldschraube zu drehen. Warum die Polizei sich dazu ermächtigt fühlt, gegen den politischen Kurs quer zu schießen? Vielleicht gab es einen Wink aus dem Bezirksamt. Oder sogar aus der Innenbehörde, was Knatsch in der Koalition geben müsste. Oder es wackelt einfach der Schwanz mit dem Hund.
Nur noch 460 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 460 Freiwillge, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert