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Kommentar Balkan Im Griff der Potentaten

Erich Rathfelder

Kommentar von

Erich Rathfelder

Russland und die Türkei verfolgen ähnliche Ziele. Sie versuchen mehr Einfluss auf dem Balkan zu gewinnen. Dem Westen sollte das nicht egal sein.

M it welcher Unverblümtheit der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Machtansprüche erhebt, war in den letzten Tagen im Kosovo zu studieren. Der Potentat duldet keine Widerrede. Dass seinem Wunsch nach Absetzung des Premierministers Ramush Haradinaj, der sich bei der Auslieferung von Gülen-Mitgliedern widerspenstig zeigte, nicht entsprochen wird, kann Erdoğan nicht aushalten. Er sinnt auf Rache.

Die psychologische Konstitution des für das Kosovo anderen wichtigen Potentaten in Moskau ist zwar nicht gleichzusetzen mit der von Erdoğan. Putin erscheint rationaler, taktischer, überlegter, ihm fehlen die Wutausbrüche und Unberechenbarkeiten. Aber beide verfolgen ähnliche Ziele – beharrlich und unbeirrt. Und zu diesen Zielen gehört, von beiden Seiten aus mehr Einfluss auf dem Balkan zu gewinnen.

Der eine möchte sich als Schutzmacht der balkanischen Muslime in Kosovo, dem Sandzak und Bosnien und Herzegowina präsentieren. Der andere ist längst als Schutzmacht der orthodoxen Christen der Region anerkannt. Vor allem in Serbien, teilweise auch in Griechenland, Bulgarien und Rumänien. Beide wollen ihren Einfluss ausdehnen. Das wird über kurz oder lang zu Konflikten zwischen diesen beiden Herrschern führen – im Kosovo wie auch in Bosnien.

Doch noch eint Putin und Erdoğan die Gegnerschaft zum Westen, zur EU, zu den westlichen Werten. Zu der demokratischen Libertinage, zur Homo-Ehe, zu Menschenrechten, Frauenbewegung und anderen westlich dekadenten Einstellungen. Beide halten Familie, Religion, Hierarchie und Führerprinzip für unverzichtbare Bestandteile ihrer Herrschaft. Widerspruch wird nicht geduldet.

Im armen Kosovo lernt jetzt ein großer Teil der Bevölkerung, was es heißt, Potentaten ausgesetzt zu sein. Nur das westliche Europa scheint nicht zu begreifen, wie nah die Gefahr herangerückt ist. Brüssel und damit Deutschland und Frankreich sind gefordert, die Zügel auf dem Balkan wieder in die Hand zu nehmen. Noch ist es nicht zu spät. Es geht jetzt ernsthaft um die Verteidigung unserer Werte.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Erich Rathfelder

Erich Rathfelder Auslandskorrespondent Balkanstaaten

Erich Rathfelder ist taz-Korrespondent in Südosteuropa, wohnt in Sarajevo und in Split. Nach dem Studium der Geschichte und Politik in München und Berlin und Forschungaufenthalten in Lateinamerika kam er 1983 als West- und Osteuroparedakteur zur taz. Ab 1991 als Kriegsreporter im ehemaligen Jugoslawien tätig, versucht er heute als Korrespondent, Publizist und Filmemacher zur Verständigung der Menschen in diesem Raum beizutragen. Letzte Bücher: Kosovo- die Geschichte eines Konflikts, Suhrkamp 2010, Bosnien im Fokus, Berlin 2010, 2014 Doku Film über die Überlebenden der KZs in Prijedor 1992.
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