Kommentar „Adam sucht Eva“ bei RTL

Der Kaiser ist nackt

Wenn auch Männer sich ausziehen müssen, verlieren sie ihre Überlegenheit. Deshalb ist die RTL-Sendung „Adam sucht Eva“ ein Fortschritt.

Jakob, Matthias, Roland Schill und Peer Kusmagk stehen nackt am Strand

Aufsehen erregt bei „Adam sucht Eva“ besonders das sich sonst in der Öffentlichkeit eher rar machende männliche Genital in sämtlichen Aggregatzuständen Foto: RTL

Nicht nur der Kaiser, auch Adam ist nackt. In der zweiten Staffel des RTL-Trash-Formats „Adam sucht Eva“ treffen Männlein und Weiblein splitterfasernackt aufeinander. Eine Art Verkupplungs-Big-Brother ohne Container, statt im Dschungel tummeln sich D-Prominenz und Normalos auf einer paradiesischen Inselgruppe, zu essen gibt es auch etwas Vernünftiges. Die TeilnehmerInnen lernen sich nackt kennen und gegebenenfalls lieben, in der Zwischenzeit müssen sie „Challenges“ bewältigen, also zum Beispiel einen Stuhl zusammenbauen.

Der Unterhaltungswert der eigentlichen Sendung bemisst sich, glaubt man einer Rezensentin, anhand des eigenen Promillewertes: Nach zwei bis drei Bier kann man sich das ganz gut anschauen. Mag sein, der eigentliche Clou dieser ansonsten eher öden Privatfernsehbespaßung besteht jedoch in der Demokratisierung öffentlicher Nacktheit, wie man sie sonst nur von FKK-Stränden und „Saunalandschaften“ kennt.

Lange genug hat es im Deutschland der Nachkriegszeit gedauert, bis man sich auch nur ansatzweise an die Zeit der Libertinage der 20er Jahre und der Lebensreformbewegung der Jahrhundertwende herantraute: Die erste Nackte der jungen Bundesrepublik, Hildegard Knef in „Die Sünderin“, musste sich noch jahrzehntelang ob ihrer Unmoral beschimpfen lassen. Als der Film, in dem die Knef für nur einige Sekunden ihre Brust entblößte, 1951 in die Kinos kam, verließen Leute sogar aus Protest das Lokal, wenn die Schauspielerin hereinkam.

Jahrzehnte nach der „sexuellen Revolution“ der sechziger und siebziger Jahre kann man über derlei Prüderie nur noch lachen. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit: Während üblicherweise der nackte weibliche Körper kommerziell ausgebeutet wird – sogar auf Lkw-Planen werden nackte Frauen spazieren gefahren, um für Produkte und Dienstleistungen zu werben –, müssen bei RTL Frauen und Männer die Hüllen fallen lassen.

Ist der Penis unästhetisch?

Aufsehen erregt daher bei „Adam sucht Eva“ besonders das sich sonst in der Öffentlichkeit eher rar machende männliche Genital in sämtlichen Aggregatzuständen, also von kältebedingter Zurückgezogenheit über wohltemperiertes, besonntes Baumeln bis hin zu höchst erregter, von Nachtsichtkameras eingefangener Maximaldurchblutung – was allerdings bereits dem „Tatbestand“ der Pornografie entspricht: Penisse, die einen Erektionswinkel über 45 Grad aufweisen, gelten als Pornografie.

Man ahnt, dass solcherlei Vorschriften von Männern erfunden worden sein müssen, die sich von weiblicher Nacktheit keineswegs bedroht oder belästigt fühlen, wohl aber von männlicher, die daher als unattraktiv bezeichnet wird. Der Penis, so heißt es beim Mann der Moderne, sei unästhetisch. Schön, so die Erzählung, kann (und darf) nur der weibliche Körper sein. Ein Verdikt, das in augenscheinlichem Widerspruch zum Schönheitsideal der Antike steht, in der sowohl der männliche Körper als auch der Penis durchaus gepriesen wurden.

Im nun schon dritten Jahrtausend nach Christi Geburt ist es noch immer nicht wirklich gut bestellt um die sexuell-körperliche Emanzipation des abendländischen Menschen, zuvorderst um jene der Frauen, die noch immer für ihre körperliche und sexuelle Selbstbestimmung kämpfen müssen. Und auch nicht, was den Penis angeht: Vor gerade einmal vier Jahren musste das Wiener Leopold-Museum Plakate überkleben, die für die Ausstellung „Nackte Männer“ warb. Aufgrund zahlreicher Proteste bekamen die Penisse einen schwarzen Balken verpasst.

In der Kunst gilt weiterhin, dass unbekleidete Frauen weniger Anstoß erregen: „Müssen Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen?“, diese Frage steht auf einem Plakat der New Yorker Künstlerinnengruppe Guerilla Girls. Und weiter: „Weniger als drei Prozent der Künstler im Metropolitan Museum sind Frauen, aber 83 Prozent der Aktmodelle sind weiblich.“ Auch die Kunstgeschichte ist von Männern gemacht, und so diese nicht homosexuell sind, sind selbige an Penissen demonstrativ nicht interessiert, es sei denn zu Vergleichszwecken.

Der Mann wird zum Objekt

Auch in „Adam sucht Eva“ kann man beobachten, wie Männer leicht in Panik geraten, wenn sie miteinander allein und nackt sind („Suchst du einen Adam oder eine Eva?“). Übertragen auf die Demokratie der Geschlechter ist die hier ausgestellte Nacktheit des Mannes jedoch ausgesprochen erfrischend: Auch der Mann ist schutzlos taxierenden, potenziell begehrlichen Blicken ausgesetzt. Er wird Objekt.

Mann und Frau stehen sich in dieser künstlich geschaffenen Paradies-Situation waffengleich gegenüber, sexistische Anmachen und Sprüche bekommen so eine völlig neue Dimension: Männer, die hier „Pflaumen“ und „Ballons“ bewerten, müssen damit rechnen, dass ihr „Würstchen“ oder „Gehänge“ näherer, beziehungsweise peinlicher Prüfung unterzogen wird. Groß genug? Schief?

Allerdings sagt auch niemand, dass es bei den Begegnungen der Geschlechter zwingend unfreundlich zugehen muss: Sind alle nackt, sind sie meist fairer zueinander. Nacktheit ist schließlich nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern gleichbedeutend mit einer gewissen Verletzlichkeit, die selbst finsterste „Prominente“ in einem sympathischeren, menschlicheren Licht erscheinen lässt. „Nackt sind wir alle gleich“, so sagt es eine der Evas in „Adam sucht Eva“, und ein bisschen ist ja etwas dran: Nacktheit birgt eine gewisse Egalität in sich.

Würde man sich als Zuschauer nicht nur betrinken, sondern auch noch nackt ausziehen, könnte man wahrscheinlich niemandem mehr wegen seines besinnungslosen Gesabbels böse sein. Auch so ist ja schon viel Rührendes von den Nackten zu hören: „Wollen wir uns mal ein wenig drücken?“, fragte jüngst ein nordostdeutscher Hüne eine der Evas mit schamhaft gesenktem Blick.

Kornfelder und ein Kaff: In der Einöde Minnesotas wünschen sich viele Jugendliche Trump als Präsidenten. Unsere Autorin hat ein Jahr dort gelebt und ihre Eindrücke aufgeschrieben. Die Geschichte lesen Sie in der taz.am wochenende vom 08./09. Oktober. Außerdem: Christine Nöstlinger spricht über Feminismus, Ehe und wie die Figur der feuerroten Friederike geboren wurde. Und unser Hauspsychologe Christian Schneider hat AfD-Chefin Frauke Petry besucht. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Am Ende ist man natürlich auch bei RTL nicht ganz so progressiv. Eher spießig, so wie man es von Betreibern von Swingerclubs und Nudistencamps insgeheim erwartet. Die Dramaturgie von „Adam sucht Eva“ sieht vor, dass sich ein Paar angezogen begegnet, sobald es tatsächlich Gefühle füreinander entwickelt haben sollte: Die Liebe, sie steht hier höher und erfordert im Gegensatz zu den nackten Niederungen der Triebe den Einsatz von Textilien. Und am Ende ist es die deutsche Werbewirtschaft, die dafür sorgt, dass es nicht schmutzig wird, Erektion hin, Halbständer her: Die Ausstrahlung von „Adam sucht Eva“ wird sowohl im Internet als auch im Fernsehen von zahlreichen Waschmittel- und Seifespots begleitet.

Und doch bleibt es am Ende dabei: Ist der Kaiser nackt, so bedeutet dies, dass er keine Macht hat. Oder zumindest nicht mehr Macht als die angeblich Untergebenen.

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Jahrgang 1973, ist Redakteur der taz am Wochenende. Sein Schwerpunkt liegt auf gesellschaftlichen und LGBTI-Themen. Er veröffentlichte mehrere Bücher im Fischer Taschenbuchverlag („Generation Umhängetasche“, „Landlust“ und „Vertragt Euch“). Zuletzt erschien von ihm "Die Kapsel. Aids in der Bundesrepublik" im Suhrkamp-Verlag (2018). Martin Reichert lebt mit seinem Lebensgefährten in Berlin-Neukölln - und so oft es geht in Slowenien

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