Komische Oper „Der Barbier von Sevilla“: Endlich lustige Salafisten

Kirill Serebrennikov inszeniert an der Komischen Oper Rossinis „Der Barbier von Sevilla“. Mit Handys, Selfies und Concita Wurst.

Die Sänger Dominik Köninger und Tansel Akzeybek

Dominik Köninger als Figaro und Tansel Akzeybek als Almaviva Foto: Monika Rittershaus

Es geht los noch bevor Antonella Manacorda den Taktstock hebt. Manacorda ist von der Kammerakademie Potsdam ausgeliehen und soll hier Rossini dirgieren. Kann er aber nicht, obwohl für die Ouvertüre extra der Boden des Orchestergrabens hochgefahren wurde, damit alle Musiker auch im Parkett zu sehen sind. Denis Milo und Tansel Akzeybek fallen ihm in den Arm, weil sie unbedingt Selfies machen und chatten müssen.

Milo ist ein Russe, der noch zur Schule geht, nämlich im Studio der Komischen Oper. Respekt vor ewigen Werten steht dort offenbar nicht im Lehrplan. Rossinis 200 Jahre alter Longseller gefällt ihm nicht. „Gehts nicht schneller?“ tippt er ins Handy. Akzeybek, der Berliner Türke, weiß es besser. Das dauert nun mal. Er legt sich schlafen.

So kriegt Manacorda die Ouvertüre doch noch zu Ende. Tatsächlich klingt sie ein wenig langsamer, gewichtiger als gewöhnlich, als ginge es um mehr als nur den Auftakt für einen geilen Grafen und den Friseur, der einen grabschigen Alten übers Ohr haut. Es geht wirklich um sehr viel mehr, werden wir am Ende wissen, aber jetzt ist eher weniger zu sehen.

Die Bühne ist mit einer weißen Wand verschlossen, auf der ständig Facebook läuft. Dominik Köninger klettert vom ersten Rang herab, mit Männerdutt „di qualitá“. Akzeybek soll ein Lied singen, live auf YouTube, mit elektrischer Gitarre. Ziemlich krasser Rossini ist das und sieht super aus auf der Rückwand.

Fanatiker der Genauigkeit

Weitere Vorstellungen von „Der Barbier von Sevilla“ am 13., 16., 19., 28. Oktober, am 5. und 26. November, am 4. und 16. Dezember 2016 und am 5. und 13. Juli 2017

Sie haben Spaß mit ihren Laptops und Handys, und auch die Kohle stimmt. Die Überweisung von 25.000 Euro ist online zu sehen, To: „Figaro“, From: „Conte d'Almaviva“. Das Orchester ist inzwischen im Graben versunken, etwas kleiner als am Anfang zu sehen, denn die letzte Reihe hinten war nur die Begleitung des Grafen auf Brautschau. So steht es im Textbuch. Kirill Serebrennikov hat Filme gedreht, Theater und Opern inszeniert und gehört zu den kreativsten Köpfen der russischen Kunstszene, die sich zumindest in Moskau noch über Wasser halten kann.

Er ist ein Fanatiker der Genauigkeit und der Einzelheiten. Seine Facebookwelt schielt keineswegs didaktisch nach dem Beifall Jugendlicher. Sie ist eine bezwingend präzise Übersetzung der Handlung in das Medium der Gegenwart. Ständig ging es schon in Beaumarchais Theaterstück um heimliche Botschaften, Verstellung und Verkleidung. Jetzt wird getippt und virtuell kommuniziert bis niemand mehr durchblickt – und so ganz nebenbei die Illusion der angeblich sozialen Netze zerbricht.

Die leere Wand des Dauerchats öffnet sich. Sie besteht aus zwei schmalen, hohen Segmenten die im Innern Treppen enthalten. Der Künstler Alexey Tregubov hat sie entworfen. Die symmetrischen Skulpturen werden zum universellen Spielraum für eine Komödie, die nun ihrerseits die mediale Oberfläche durchbricht. Im Zentrum steht jetzt Philipp Meierhöfer.

Er spielt den Doktor Bartolo, einen vornehmen, alten Mann, der mit Antiquitäten handelt. Er ist allein, eingeschlossen in Möbeln und Lampen. Sein Mündel Rosina liebt er wahrscheinlich wirklich. Nicole Chevalier zeigt ein etwas schüchternes Mädchen, das verzweifelt heftige Liebesbotschaften in sein Handy tippt, weil es endlich raus möchte zu den virtuellen Jungs.

Rossinis Werk kann seine Größe entfalten

Meierhöfer kann nur traurig zuschauen. Er versteht nichts von dieser modernen Welt. Bei Serebrennikov wächst sie ihm so sehr über den Kopf, dass Rossinis Werk seine volle Größe entfalten kann. Akzeybek kommt als bärtiger Salafist in die stille Wohnung und führt sich dort mit seiner Truppe so auf, wie man es erwartet. Brutal und arrogant. Alles gehört ihm, vor allem das Mädchen.

Akzeybek kann ordentlich singen, noch besser aber kann er spielen. So lustig waren Salafisten noch nie. Bartolo holt die Polizei, Rosina hält ein Transparent in die Höhe, auf dem „Refugees wellcome“ steht.

Nach den sozialen Netzen also die Flüchtlingskrise, und Serebrennikov ist noch lange nicht am Ende seiner Ideen. Nach der Pause versucht Akzeybek als Concita Wurst sein Glück als Eroberer, in der größten Szene aber schweigt die Welt der digitalen Bilder. Meierhöfer nimmt Nicole Chevalier im Brautkleid bei der Hand und führt sie wie in einem Traum über die Balustrade vor dem Orchester, in unwirklich weißes Licht getaucht.

Sie ist einverstanden, ihn zu heiraten. Natürlich fliegt danach alles auf. Rosina und der Graf fallen sich in die Arme. Auch das Orchester darf zum Applaus wieder aus dem Graben aufsteigen. Komisch ist diese Oper aber nur, weil es diesen alten Mann gibt. Rossini macht sich nicht lustig über ihn und Serebrennikov erst recht nicht. Wenn der letzte Akkord verklungen ist, dreht er noch eine Weile die Kurbel eines verstimmten Leierkastens. Das ist dann das ganz große Theater.

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