Kolumne Wortklauberei: Wo die Sonne nicht scheint
Ein konkreter Vorschlag an Henryk M. Broder (in aller Bescheidenheit). Und was das mit Ersatzteilen für seinen Morris Traveller und dem Mond zu tun hat.
K ennen Sie das, wenn Sie aufs Rad steigen und ein wenig in der Gegend herumfahren, um den Kopf freizukriegen und die Gedanken zu ordnen (oder zumindest einem eventuell sich netterweise freiwillig einstellenden Sich-Ordnen der Gedanken nicht im Weg zu stehen) für die Kolumne, die Sie gleich schreiben sollen, und Sie fragen sich, warum seit ein paar Monaten so gefühlt jedes zweite Mal, wenn Sie an der Reihe sind, Ihren flockigen kleinen Text mit möglichst geballter Gewitztheit abzusondern, etwas so Fürchterliches und Herzzerbrechendes passiert, dass Sie ganz stumpf im Kopf sind und sich wie ein Arsch vorkämen, jetzt den gewitzten Text über Torheiten in der Werbesprache, den Sie so schön bequem vorhatten, hinzuflocken, und es ginge auch gar nicht, weil seit Tagen nichts flockt und Sie würden am liebsten eh alle Geräte ausknipsen und sich mit dem weichen Baby und der warmen Frau auf irgendeinem fernen Dachboden zusammenrollen, aber das geht natürlich nicht, weil Sie ja zum Beispiel noch wichtig Ihre Kolumne absondern müssen und, apropos, die Gedanken ordnen sich auch nicht, weil Ihnen gerade wieder ein Satz eingefallen ist, den Sie vorgestern gelesen haben und der Sie jetzt, da er in seiner ganzen Abscheulichkeit in Ihrem Hirn widerhallt, dermaßen wütend macht, dass Ihnen fast der Kopf platzt und Sie von ihrem Rad springen und es in die nächstbeste SUV-Karre am Straßenrand knallen könnten?
Kennen Sie nicht? Seien Sie froh. Mir ist es gerade passiert, als mir wieder die Replik von Henryk M. Broder auf die Frage des Tagesspiegels einfiel, ob er sich Sorgen darüber mache, dass er mit einigen seiner "islamkritischen" Thesen im "Manifest" von Anders B. Breivik zitiert wird: "Das Einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist, woher ich Ersatzteile für meinen Morris Traveller aus dem Jahre 1971 bekomme. Sogar in England werden die Teile knapp."
Noch mal kurz im Zusammenhang. Zwei Tage zuvor hat ein Mann 68 Jugendliche umgebracht, gejagt und erschossen wie Tiere, aus Hass auf den Islam und Linke. Henryk M. Broder wird gefragt, ob es ihn anfasst, dass dieser Mann sich in seinem Pamphlet, dem Buch zum Massenmord, auf Argumentationen von ihm, Broder, beruft. Es wäre eine spitzen Gelegenheit für Henryk M. Broder wenn schon nicht Betroffenheit zu äußern, so doch irgendetwas Normales, Humanes, Gutes zu sagen oder aber einfach mal den Rand zu halten. Henryk M. Broder sagt: "Das Einzige, worüber ich mir Sorgen mache, ist, woher ich Ersatzteile für meinen Morris Traveller aus dem Jahre 1971 bekomme. Sogar in England werden die Teile knapp."
Herr Broder, ein Vorschlag zur Güte: Tun Sie sich Ihren Morris Traveller aus dem Jahre 1971 doch hinten rein, bis nur noch die Stoßstange rausschaut und dann lassen Sie sich auf den Mond schießen; dann werden die Teile hier unten noch knapper, und keiner wird sich darüber Sorgen machen außer einer zynischen Kanaille, die nicht mehr weiß, was sie noch für einen "provokanten" Mist verzapfen soll, um sich interessant zu machen auf dem, ganz recht: Mond.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert