Kolumne Sternenflimmern

Das Ende der Geschichte wählen

Das Ende von Game of Thrones ist schrecklich, klar. Aber notwendig. Wie bei Europa ging es schließlich auch hier darum, die Macht an sich zu besiegen.

Brandon Stark aus Game of Thrones

Kein Held, aber die richtige Wahl Foto: ap

Ich war natürlich genauso traurig, wütend und entsetzt über das Serienfinale von Game of Thrones wie alle – wirklich alle! – anderen auch. Nicht nur trostlos darüber, dass eine Wahnsinnsgeschichte geendet ist, sondern auch darüber, wie sie geendet ist. Kein Triumph für niemanden!

Nach all dem Schwitzen und Sterben für eine bessere Welt – vor allem von Danaerys noch bei ihrem stalinesken Auftritt und auch davor in schöner Regelmäßigkeit proklamiert – scheint keiner wirklich glücklich zu sein. Danaerys, selbsternannte Breaker of Chains, tatsächlich aber die nächste in der Kette der Tyrannen, ist tot, immerhin. Die Stark-Kinder in alle Winde verstreut.

Bis auf Brandon Stark, der eigentlich kein Stark-Kind mehr ist, sondern „something else“, wie er selbst sagt. Er ist jetzt so etwas wie König, Diener des Reiches trifft es aber eher. Er erscheint mehr als Verwalter denn als Herrscher. Das macht das Ganze so frustrierend: Man betrachtet ihn mit derselben emotionalen Taubheit wie die EU.

Ja, man könnte sagen: Bran ist ein bisschen wie die EU. Irgendwie komplex. Irgendwie unverständlich. Er herrscht – zwar nicht über 28 Mitgliedsstaaten – aber immerhin über die sieben vereinigten Königreiche (minus 1, dem abtrünnigen Großbritannien – Verzeihung: dem Norden). Er trifft teils unergründliche Entscheidungen, wie etwa die, seinen Bruder auf einen völlig sinnlosen Posten in einer sinnlos gewordenen Institution (the great Wall) zu schicken.

Helden vergessen, Gleichmut wählen

Und statt Leidenschaft, Hingabe und skandalträchtiger Schwächen legt er eine geradezu buddhistische Gleichmut an den Tag. Er hat, das ist das Wichtigste, keinerlei Machtambitionen. Er ist das verkörperte historische Bewusstsein und damit die logische Konsequenz aus den Jahrhunderten des Terrors.

Er ist, das muss man leider auch sagen, ein langweiliger Typ geworden, kein bisschen Held, kein bisschen Drama, das ihn mehr umweht. Trotzdem stimmt, womit er die Wahl für seinen Posten gewonnen hat: Er hat buchstäblich alles gesehen, er hat tatsächlich die beste Geschichte.

Und wie Tyrion, sein Berater und Fürsprecher, sagt: Es gibt nichts Mächtigeres als eine gute Geschichte. Geschichten wecken die Leidenschaft in uns, den Kampfmut. Aber, liebe enttäuschte EU- und Game-of-Thrones-Fans, wenn die Geschichte uns eins gezeigt hat, dann doch, dass Macht eben nie zu was Gutem führt. Dass sie selbst die mit den besten Absichten (siehe Danaerys) korrumpiert. Und dass wir deshalb für eine bessere Welt die gute Story und die großen Gefühle mal vergessen müssen.

Wenn die Serie – und wenn die Geschichte – auf ein Ziel zulaufen musste, dann auf die Zerschlagung jeder Macht. Auf Verwalten statt Herrschen, auf Vernunft statt Emotion. Dafür sollten wir am kommenden Sonntag früh aufstehen. Geschichten können wir uns dann abends erzählen.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben