Kolumne Nullen und Einsen

Der vergessene Gopherspace

Alle feiern den 25. Geburtstag des World Wide Web, denn den Gewinnern der Geschichte gratuliert man gerne. Und was ist mit den Verlierern?

Opfer des Datenwahnsinns: das Erdhörnchen. Bild: k_t / photocase.com

Täteretäää: Am 12. März feiert die Medienwelt den 25. Geburtstag des World Wide Web, zeit.de zeigt Meilensteine, Spiegel Online interviewt den Erfinder Tim Berners-Lee, stern.de erinnert daran, dass Bill Gates das WWW am Anfang nur für „einen Hype“ hielt und Die Presse bringt eine Klickstrecke mit schrägen Zitaten und groben Fehlprognosen. Prost!

Das ist ein wenig putzig, denn am 12. März 1989 ging das WWW ja gar nicht online, damals veröffentlichte Tim Berners-Lee lediglich sein Ideenpapier „Information Management: A Proposal“ am Genfer CERN. Es ist also in etwa so, als würden wir Menschen unseren Geburtstag am Tag unserer Zeugung feiern. Oder am Tag des Heiratsantrags unserer Eltern. Oder bei ihrem ersten Kuss. Oder ihrer Facebook-Freundschaftsanfrage.

Anyway: Feiern wir also das WWW, es gibt ja genügend Gründe, und erinnern nochmal daran, dass das WWW ja nicht „das Internet“ ist, sondern nur eine mögliche Darstellungsform von digitalen Inhalten, also „ein über das Internet abrufbares System von elektronischen Hypertext-Dokumenten“ (Wikipedia) mit einem Protokoll, HTTP nämlich. Dass es irgendwann quasi synonym zum Internet würde, war 1991, als das WWW dann wirklich online ging, gar nicht gesichert.

Denn es gab Alternativen. Eine davon war Gopher, ein Informationsdienst, der an der Universität von Minnesota entwickelt wurde. In den Neunzigern gab es einen funktionierenden Gopherspace, doch spätetens mit der Ankündigung, für dessen kommerzielle Nutzung Gebühren zu erheben, war dessen Nischendasein besiegelt, inzwischen ist er verwaist und vergessen.

Der Aufstieg des WWW war also nur möglich durch den Tod eines Erdhörnchens (engl. gopher). Das rückt auch das Mark Zuckerberg nachgesagte Zitat „A squirrel dying in front of your house may be more relevant to your interests right now than people dying in Africa“ in ein ganz anderes Licht. Denkt mal darüber nach!

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Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, Zeit und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren. Bei der taz im Wochenend-Ressort und dort vor allem für die Genussseite zuständig.

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