Kolumne Kreaturen: Alien, Tropfen, Spermium, Schwamm

Bleigießen ist ein Fun-Highlight jeder Silvesterfeier, auch in der Landkommune. Kann man den Deutungsvorschlägen des Herstellers vertrauen?

Versuchsaufbau und -ergebnis: Bleigießen extrem! Bild: privat

Silvester fliehe ich aus der großen lauten Stadt in das Hippielandkommunenparadies von M., die sich mit Freunden ein heruntergekommenes Gutshaus in der Prignitz gekauft und inzwischen teilweise bewohnbar gemacht hat (jetzt seid ihr ein wenig neidisch, oder?). Wir sind 13 Menschen, knapp die Hälfte war vorher beim Chaos Communication Congress und fast alle sind so, ähem, sozial speziell wie ich, das muss man erstmal schaffen. Für mich natürlich sehr angenehm.

Es ist ein schöner Abend. Draußen dimmt dichter Tiefnebel die Altmoränenlandschaft ab und drinnen sitzen wir alle an einem großen Tisch, essen Pilzrisotto, //soundcloud.com/allefarben/alle-farben-fusion-secret-gig:hören Alle Farben und reden über Statussymbole, Nerds, den Niedergang der Piraten, die Kritik der Antideutschen an der verkürzten Kapitalismuskritik der Antiimps … naja, ihr kennt das.

Als es schon kurz vor Mitternacht ist und jeder, der wollte, ein Bad in der feuerholzbetriebenen Außenbadewanne genommen hat (jetzt seid ihr SO RICHTIG neidisch, oder?), wird es Zeit für unsere Glücks-Bleigieß-Sets. „Der Blick in die Zukunft“ steht auf der Packungsrückseite, wobei die darunter gedruckte Deutungstabelle ein wenig Zweifel an der Verlässlichkeit dieses 1-Euro-Qualitätsprodukts aufwirft.

Logisch, dass eine Sense „Vorbote einer Gefahr“ bedeutet, eine Brezel „Verwicklungen in der Liebe“ und ein Pokal „Erfolg im Sport“, das versteht man. Doch warum bedeutet ein Eimer „Du hast Neider“, ein Fass hingegen „Wohlstand“? Und ein „Baby“ soll angeblich für „Häuslichen Frieden“ stehen. Einige Freunde von mir würden bei diesem Gedanken anfangen, hysterisch zu lachen.

Aber schauen wir auf die Tiere. Storch (= Kindersegen) – klar. Qualle (= Nicht in fremde Angelegenheiten einmischen) und Schlange (= Missgünstige Feinde) – auch verständlich. Aber „Gewinn durch Fleiß“ für die Gans ist angesichts von Gustav Gans (Glückspilz) und Franz Gans (Faulpelz) doch ganz schön weit hergeholt. Auch andere Deutungen wirken wir ausgewürfelt, etwa Löwe (= Gute Freunde finden) oder Eule (= Günstige Zukunftsplanung). Wirklich problematisch ist aber der Igel. Der liebe Igel! Er soll für Eifersucht stehen. Wie hat so ein bezauberndes Tier das nur verdient? Man ahnt, der Igel hat letztes Silvester einen Fisch (= Üble Nachrede) bleigegossen.

Zurück in die Prignitz. Nachdem wir gegossen haben, stellt sich schnell heraus, dass die vier wichtigsten Grundformen – „Alien“, „Tropfen“, „Spermium“ und „Schwamm“ – gar nicht auf der Packungsrückseite erklärt werden. Dafür steht da: „Die Figuren werden am besten so hinter eine Lichtquelle gehalten, daß man den Schattenwurf an der Wand deuten kann“. Aber wer macht das denn bitte? Wir sind hier noch doch nicht bei Platons Höhlengleichnis. Außerdem sieht mein Tropfen dann immer noch aus wie ein Tropfen.

Ich bin ratlos. Beim zweiten Versuch (ich weiß, mehrfach gilt nicht, aber ich habe hier eine Kolumne zu füllen, also BITTE) kommt die Horrorhasenmaske (Maske = Du wirst überall gern gesehen) aus „Donnie Darko“. Oder ein Hirschkäfer mit einer Pinocchio-Nase. Oder ein sich über sein Junges beugender Kaiserpinguin mit einem langen erigierten Penis. Hm. Sicherheitshalber mache ich noch einen dritten Durchgang. Dieses Mal ist es ein Wal, der im Sprung eine Wasserfontäne ausspritzt. Oder ein kleiner Laufvogel mit kurzem Hals. Der Vogel steht für „Unvorhergesehener Glücksfall“. Nehm ich!

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Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, Zeit und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren. Bei der taz im Wochenend-Ressort und dort vor allem für die Genussseite zuständig.

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