Kolumne Kreaturen: Spio-Nagetiere

Katzen werden immer nutzloser. Weder als Wahlhelfer noch als Agenten sind sie zu gebrauchen. Andere Tiere haben mehr Überwachungspotenzial.

Meister der Tarnung: ein finnischer Spionagebär. Bild: imago/Blickwinkel

Skandal: Cat Content gewinnt keine Wahlen mehr. Zumindest nicht, wenn man es wie Jens Böhrnsen macht und sich auf Facebook am Tag vor dem Urnengang als „Katzenfreund“ bezeichnet. Dieser Anbiederungsversuch bei den Katzen des „schwierigen Minilandes“ (taz.de) hat den Bremer Bürgermeister über sechs Prozentpunkte und damit letztlich den Job gekostet. Hätte er doch auf Jochen Sengpiehl gehört, den Marketingchef von Hyundai Deutschland, der am Freitag noch gesagt hatte: „Wir orientieren uns am Produkt, und dafür brauchen wir keine Katzen in der Werbung.“

Hoffen wir, dass es mit Jens Böhrnsen nicht so endet wie mit einem anderen Katzenfreund. Ein neuer Bürgermeister wurde indes sofort gefunden. Dr. Jan Böhmermann übernimmt den langweiligsten Job der Welt und veranlasste in seinem Zehn-Punkte-Plan zum Regierungsbeginn gleich mal eine Neustapelung der Bremer Stadtmusikanten: ganz unten ab sofort der Hahn, darauf der Esel, dann die Katze, der Hund und ganz oben, als neues Tier, ein Delfin.

Noch viel mehr Katzenfreunde mit noch weniger politischem Einfluss als Jens Böhrnsen trafen sich vorige Woche bei der re:publica in Berlin. Das ist eine Internetkonferenz und deswegen gab es in jeder Powerpoint-Präsentation mindestens ein Katzenbild, im Notfall wurde es noch eben auf der Schlussfolie untergebracht.

Manchmal waren Katzen sogar Inhalt, so wurde in einem Panel über Cyborgs und Transhumanismus eine Katze mit Cochlea-Implantat gezeigt und in einer Präsentation über „Fashiontech“ ein Werbevideo von Necomimi: ein Gerät, das man sich wie einen Haarreif auf den Kopf setzt und an dem oben Katzenplüschohren befestigt sind, die sich mittels Gehirnwellen steuern lassen und so die eigene Stimmung verraten.

Eine zentrale Rolle spielte schließlich das Projekt „Acoustic Kitty“ im kurzen Vortrag über „Spy Animals“ von Jillian York und Claudio Guarnieri. In den 60er Jahren wollte das CIA Katzen nutzen, um den Russen auszuspionieren. Man hoffte anfangs sogar, die Tiere mit Ultraschall aus der Ferne dirigieren zu können.

In der Realität wurde eine Versuchskatze operiert, sie mit Überwachungstechnik vollgestopft, nach langen Vorbereitungen endlich „ins Feld“ geschickt – und unmittelbar danach von einem Taxi überfahren. Bis zu 25 Millionen Dollar an Forschungsgeldern: kaputt. Ein früherer CIA-Beamter bestritt diese Version 2013 allerdings. So oder so wurde das Programm 1967 eingestellt, es war ein ähnlicher Flop wie die Fledermausbombenforschung im Zweiten Weltkrieg.

Dass man das mit den Spy Animals anderswo durchaus ernst nimmt, zeigte sich 2011 in Saudi-Arabien: Dort wurde ein Gänsegeier in Gewahrsam genommen, weil er einen GPS-Tracker und einen Fußring mit einem Hinweis auf die Universität Tel Aviv mit sich führte. Es gibt sogar einen Wikipedia-Eintrag „Israel-related animal conspiracy theories“ und dokumentierte Fälle von Turmfalken, Bienenfressern, Haien und anderen Tieren, unter anderem aus Ägypten, dem Sudan und der Türkei.

Im Iran wurden 2007 schließlich – Stichwort: Spio-Nagetiere – 14 Eichhörnchen gefangen, die angeblich mit Agentenequipment ausgerüstet waren. Ein britischer Außenbeamter bezeichnete die Geschichte allerdings als „Nuts“.

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Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, Zeit und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren. Bei der taz im Wochenend-Ressort und dort vor allem für die Genussseite zuständig.

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