Kolumne Habibitus

Sühne als Migrantenkind

Als Migrantenkind, das weder Ärzt_in noch Ingeneur_in noch Anwält_in geworden ist, trage ich in mir eine schwer ertragbare Bringschuld.

Eine Frau telefoniert

„Du bist Journalist_in, nicht wahr?“, fragte er hoffnungsvoll. Ich musste bejahen Foto: imago images / Westend61

Irisch, 7,5 Prozent und Spanisch, 0,9 Prozent: Während es für manche Menschen einen Reiz haben kann, mit Hilfe von DNA-Tests ihre Familiengeschichte besser zu verstehen, birgt dieser Trend neben der offensichtlichen Datenschutzkatastrophe noch eine ganz andere Gefahr: das Wissen um noch mehr Verwandte, von denen man noch nie etwas gehört hat.

Bereits jetzt quälen mich meine Eltern mit aufgezwungenem Kontakt zu Menschen, mit denen ich über 23 Ecken verwandt oder sogar nur bekannt bin. Seien es plötzlich in die Hand gedrückte Telefonhörer mit Urgroßtante S. an der Leitung, um zum neuen Jahr ein paar gute Wünsche auszusprechen, oder die böse Überraschung, dass 350 Kilometer vom aktuellen Urlaubsort entfernt Bekannte leben, die eine_n nach 19 Jahren gerne mal wiedersehen würden: Der Drang, Menschen miteinander zu verknüpfen, ist bei meinen Eltern grenzenlos.

Neulich rief mich mein Vater an, um mir zum Eid-Al-Fitr zu gratulieren – so meine Annahme, als ich ans Telefon ging. Tatsächlich hatte er jedoch ein anderes Anliegen. Ich sollte mich dringend bei Onkel A. melden. „Onkel A.?“ Natürlich ist A. nicht wirklich mein Onkel, sondern ein Bekannter meiner Eltern, den ich selbst vor etwa 15 Jahren für eine Viertelstunde getroffen habe. So lange dauerte nämlich die Fahrt von unserer Wohnung zur Turnhalle, in dem mein Handballtraining stattgefunden hat und wo er mich freundlicherweise abgesetzt hat.

Obwohl ich auf dem Sprung war, bat mein Vater mich, ihm diesen einen Gefallen zu tun und mir „die Geschichte von Onkel A.“ wenigstens mal kurz anzuhören. Als Migrantenkind, das weder Ärzt_in, noch Ingenieur_in, noch Anwält_in geworden ist, trage ich in mir eine schwer ertragbare Bringschuld.

Ohne Verpflichtungen

Also rief ich Onkel A. an, der mich mit einem awkward „lange nicht mehr gesehen“ grüßte. „Du bist Journalist_in, nicht wahr?“, fragte er hoffnungsvoll. Ich musste bejahen. „Folgendes“, begann er schließlich. „Ich habe Zwillinge, zwei ganz süße fünfjährige Jungs. Meine Frau und ich fänden es total schön, wenn von ihnen mal ein Foto in der Zeitung abgedruckt werden könnte. Im Spiegel zum Beispiel.“

Irritiert guckte ich noch mal schnell auf meinen Bildschirm, um sicherzustellen, dass ich nicht im falschen Film gelandet bin. „Äh, Sie meinen als Models?“, hakte ich nach. Onkel werden bei uns gesiezt, was auch sonst, bei dieser Distanz. „Ja, genau. Als Models. Hast du da eine Möglichkeit, die beiden dort einzubinden?“ Und so musste ich doch wieder enttäuschen: Dass Texte ­schreiben nicht dasselbe wie Modelagent_in ist, dass ich gar nicht für den Spiegel arbeite und dass ich ihm nicht mal Feedback darauf geben könnte, ob ich seine Kinder für geeignete Models halte.

Wir beendeten das Telefonat mit dem Versprechen, dass wir uns aber ganz sicher bei einander melden, sollten wir mal in der gleichen Stadt sein, und ich kehrte zurück in meinen überraschenderweise doch alman-lastigen Alltag ohne Verpflichtungen an Kanak-Connections – und zum Glück ohne DNA-Tests.

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Hengameh Yaghoobifarah studierte Medienkulturwissenschaft und Skandinavistik an der Uni Freiburg und in Linköping. Heute arbeitet Yaghoobifarah als Autor_in, Redakteur_in und Referent_in zu Queerness, Feminismus, Antirassismus, Popkultur und Medienästhetik.

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