Kolumne Frau ohne Menstruationshintergrund: Zukunftsmus(i)k: Elons Elan

Tesla-Chef Elon Musk traf den „großartigen Kerl“ (Musk) Armin Laschet (CDU): Die wollen was voneinander, vermutet Kolumnistin Michaela Dudley.

Tesla-Chef Elon Musk und CDU-Tausendsassa Armin Laschet am 13. August 2021 in Grünheide Foto: Patrick Pleul/dpa

Oh nein, Laschet sein“, seufzte ich, während ich mir in einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Fremdschämen die Hände vor das Gesicht schlug. Dieses Mantra, das mir in den letzten Monaten immer häufiger entfahren ist, war auch diesmal nicht ohne Grund. Ich verfolgte gerade die Tesla-Pressekonferenz, die eine Kollegin mir zugespielt hat. Das Video ging übrigens viral. Es ist inzwischen zwar zehn Tage her, aber ich sehe den Vorfall immer noch durch meine leicht gespreizten Finger – quasi wie die Fortsetzung eines Spreewald-Krimis.

Der Tatort: Grünheide in Brandenburg. Auf dem Gelände der Gigafactory von Tesla gab es ein Gipfeltreffen der Giganten: Elon Musk und Armin Laschet. Na ja, zumindest im Small Talk galt Laschet als gigantisch: „Er scheint ein großartiger Kerl zu sein“, meinte Musk vor den Kameras. Es waren Szenen aus einer situativen Bromanze: Multimilliardär trifft Kasperlekandidaten.

Wahrhaftig wollen die beiden Männer nach wie vor etwas voneinander. Vor allem bezweckt Tesla-CEO Musk, den Betrieb in Grünheide von heute auf gestern aufzunehmen, um endlich mit der ambitionierten Jahresproduktion von 500.000 Elektroautos anzufangen. Ebendort soll auch eine Batteriezellenfabrik entstehen. Insgesamt sollen rund 12.000 Beschäftigte im Dreischichtbetrieb arbeiten.

Die Begegnung hätte für Laschet eine Steilvorlage sein müssen. Ein Leugner der Erderwärmung verspricht, dem drittreichsten Mann der Welt mit Fördermitteln zu helfen, um die „Grüne Revolution“ einzuläuten. Welch ein bedeutungsträchtiger PR-Termin. Aber dann sinnierte Laschet ohne Not über die Rentabilität von Autos mit Wasserstoffantrieb.

Wenn Fettnäpfchen-Surfen eine olympische Disziplin wäre, hätte der CDU-Chef längst ein paar Goldmedaillen verdient

Musk, schallend lachend, bremste ihn aus und betonte, die Zukunft sei definitiv elektrisch. Schocktherapie für eine peinliche Laschetnummer. Wenn Fettnäpfchen-Surfen eine olympische Disziplin wäre, hätte der CDU-Chef längst ein paar Goldmedaillen verdient, um seine glitzernden Karnevalsumhängsel ergänzen zu können. Nun, knapp fünf Wochen vor der Bundestagswahl, scheint allerdings auch der zweiten Podestplatz plötzlich nicht mehr so sicher.

Und Laschet wirkt nicht gerade lernbereit, geschweige denn kritikfähig. Als WDR-Moderatorin Susanne Wieseler ihm neulich im Interview Gegenwind gab und seine klimapolitischen Kapriolen um die Ohren sausen ließ, betrachtete er ihr professionelles Nachhaken als Majestätsbeleidigung. Irgendwie erweckt Laschet den Eindruck eines Gartenzwerges, der im Wald der Wahrheiten auf dem Holzweg bleibt.

Um Wälder und Holz geht es wohl. Aber geht es um deren Wohl? Bei der ersten Rodung in Grünheide wurden 92 Hektar Wald gefällt. Tesla möchte mehr. So werden nahezu 83 zusätzliche Hektar gerodet. Das erlaubte das Verwaltungsgericht Frankfurt (Oder). Oder? Stehen weitere Eilanträge der Grünen Liga und des Naturschutzbundes (Nabu) an? Und was ist denn mit der berüchtigten, in der Tat verstaubten und schwerfälligen deutschen Bürokratie?

Da will einer wie Musk natürlich Klarheit und Kohle. Möglichst viel Kohle. Natürlich nicht aus dem CO2-lastigen Bergbau, sondern aus der Tasche der Steuerzahlenden. Der einstellige Milliardenbetrag, den Tesla für den Bau der Gigafactory vom Bundeswirtschaftsministerium erhielt, war ein netter Einstieg, aber offenbar nicht ausreichend. Ist es wirklich Fortschritt, wenn man bedenkenlos den Teufel mit dem Beelzebub austreibt? Und inwieweit dürften Po­li­ti­ke­r*in­nen notorisch gewerkschaftsfeindliche Un­ter­neh­me­r*in­nen hofieren, um die Wirtschaft zu retten?

Dabei bin ich durchaus für Elektroautos. Vor vier Jahren hier in Berlin genoss ich die Gelegenheit, in einem Tesla S zu fahren. Bis heute bin ich begeistert. Elon ist zudem voller Elan. Ein 50 Jahre junger Sunny Boy, der es zum Mars bringen will. Aber wer auf Kosten des Gemeinwohls so einen großen Reibach machen kann, hat ohnehin Grund zum Lachen.

Und Musk verspottete jüngst an dem glücklichen Freitag, den Dreizehnten, nicht lediglich Laschet. Nein, am Ende der PK, leider kaum beachtet, beschrieb er die Sorgen der Um­welt­schüt­zer*in­nen wegen des drohenden Wassermangels in Grünheide als „lächerlich“. Immerhin freundlich schmunzelnd.

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Michaela Dudley (Jg. 1961), eine Berliner trans* Frau mit afroamerikanischen Wurzeln, ist eine „Frau ohne Menstruationshintergrund, aber mit Herzblut, in der Regel“. So lautet ihr Signatur-Lied, und so kennt man sie als wortgewandte taz-Kolumnistin. Sie ist Autorin des Februar 2022 erschienenen Buches RACE RELATIONS: ESSAYS ÜBER RASSISMUS (Verlag GrünerSinn: ISBN 9783946625612). Ebenjene historisch fundierte Einführung reüssiert als lyrischer Leitfaden zum Antirassismus. Dudley, eine gelernte Juristin (Juris Doctor, US) schreibt auch für den Tagesspiegel, die Siegessäule, die Zeit / das Goethe, Missy Magazine, Rosa Mag und den Verlag GrünerSinn. Zudem tritt sie als Kabarettistin, Keynote-Rednerin und Diversity-Expertin in Erscheinung. Ihr Themenspektrum umfasst Anti-Rassismus, Feminismus und die Bedürfnisse der LGBTQ-Community. Elegant und eloquent, reüssiert die intersektional agierende Aktivistin als die „Diva in Diversity“. Als impulsgebende Referentin arbeitet sie mit der Deutschen Bahn, der Führungsakademie der Bundesagentur für Arbeit, der Frankfurter Buchmesse und dem Goethe-Institut zusammen. In der Fernsehsendung „Kulturzeit“ (3Sat/ZDF, 25.08.2020) hat sie ihre Ballade „Owed to Marsha“ zu Ehren der queeren Ikone Marsha P. Johnson uraufgeführt. In einer anderen Folge (17.06.2020) hatte sie für die „Meinungsverantwortung“ plädiert, als sie die Äußerungen der Schriftstellerin J.K. Rowling in puncto Transsexualität kritisierte. Immer wiederkehrend kommentiert sie brandaktuelle Themen (ARD, MDR, RBB, WDR). Ihr satirisches, musikalisch untermaltes Kabarettprogramm heißt: „Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“. Sie liebt die Astrophysik, spielt gerne Schach, spricht u.a. Latein und lebt tatsächlich vegan. Ihre Devise: „Diversity ist nicht einfach, sondern mehrfach schön. Kein Irrgarten, sondern ein Wir-Garten.“

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