Kolumne Eben

Grexit gebuffert

Must-See für Binge-Watcher: „Grexit“. Die neue Qualitätsserie begeistert mit bizarren Plots, scheiternden Helden und kuriosen Dialogen.

Varoufakis

Varoufakis bei den Proben zu seiner neuen Rolle in „House of Cards“. Foto: dpa

Wer Fan von „West Wing“ oder „House of Cards“ ist, wird auch bei dieser Serie zum Binge-Watcher. Verrückte Loops, verwirrende Erzählstränge, überraschende Wendungen, kuriose Dialoge, fiese Machenschafen und faszinierende Charaktere – die Qualitätsserie „Grexit“ macht süchtig. Das Ende der aktuellen Staffel wurde noch nicht mal abgedreht, eine neue Staffel bereits in Auftrag gegeben.

Man darf von der vordergründigen Handlung nicht darauf schließen, dass die Serie davon handelt, wer am Ende das ganze Picknick bezahlt. In einer parlamentarischen Demokratie geht es nicht ums täglich Brot, sondern eher um die tägliche Barbecue-Soße. Nicht, wer die Armen speist, sondern wer das beste Steak brät, das ist hier die Frage. Alles andere ist Bibellesekreis.

Es ist auch nicht die Frage, ob Janis Varoufakis aus der Serie ausscheiden musste, weil er seine Grillkompetenzen überschätzt oder seinen Kollegen Chef für einen Sonntagsbraten hält. Die Frage ist, ob Varoufakis den Vertrag für die Rolle in „24: Live another day“ unterschrieben hat oder auf die Nachfolge von Kevin Spacey spekuliert.

Wie bei jeder guten Serie, ist man versucht, nach ein, zwei Staffeln auszusteigen. Aber wie bei jeder guten Serie muss man ihr eine zweite und dritte Chance geben. Man darf sich nicht über sinnlose Cliffhanger und Fehlbesetzungen ärgern, sollte sich für unlogische Plots und längst ausgeschiedene Hauptdarsteller, die noch von der Seitenlinie reinbrüllen, begeistern und aushalten, dass Behinderte auch ätzend sein können.

Eher jein

Mit Untertiteln gucken, sei geraten, denn die synchronisierte Fassung ist fehlerhaft. Oxi bedeutet nämlich gar nicht immer nein, sondern eher jein, exit nicht unbedingt raus, sondern manchmal auch rein. Serienkenner wissen ntürlich, dass nicht alles, was gesagt wird, auch so gemeint ist.

Um nachvollziehen zu können, was oxi und was paradoxi und was einfach nur Murks, sollte man gelegentlich zurückspulen, auf Pause drücken, im Bonusmaterial nachgucken oder auf Fanseiten die Recaps lesen, um alle Anspielungen mitzukriegen, die zu einem späteren Zeitpunkt wichtig werden könnten. Serienkenner wissen natürlich, dass Erzählstränge auch einfach mal liegengelassen, Dialoge nur für sich stehen und Charaktere ohne Vorwarnung einfach verschwinden können.

Man darf sich auch nicht von dem surrealen Nebenstrang in der aktuellen Staffel beirren lassen. Das, was aussieht wie „Im Rausch der Tiefe“ - Guy Verhofstadt in der Rolle des zahnlosen Orca auf Speed, Wolfgang Schäuble als Seeotter auf Koks und Alexis Tsipras als in den Algen verhedderter Hummer auf Amphetamin – könnte am Ende zu „Shark night“ in 3D werden.

Der nächste Tag ist immer der schwerste

Statt diese Qualitätsserie angemessen zu rezensieren, kommt die seriöse Presse wochenlang nur mit ein- und demselben Blockbustertitel in verschiedenen Varianten: „Armageddon Day“, „Schicksalstag“, „Tag der Entscheidung“.

Wenn man schon in Tagen denkt, dann hätte man allein im Juli auch andere haben können: Tag der kreativen Eissorten, Habe-Ich-vergessen-Tag, Ehrentag der Klimaanlage, Bleib-mir-aus-der-Sonne-Tag, Sei-nochmal-ein-Kind-Tag und Bastel-dir-eine-Vogelscheuche-Tag.

Als Binge-Watcher sind einem alle Tage egal. Schließlich weiß man seit Sepp Herberger: Der nächste Tag ist immer der schwerste. Es könnte sein, dass man eine Vogelscheuche basteln muss. Und deswegen die letzte Folge verpasst. Oder dass man ihn einfach vergisst. Weil die nächste Folge gebuffert ist.

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seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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