Kolumne Der Rote Faden: Wenn nichts hilft, hilft Hitler

Es gibt das neue Genre der Cockpittürenanalyse. Suizid ist ein Verbrechen. Und Trauer wird besser vom Zettel abgelesen. Ein Wochenrückblick

Gedenkstein in der Gegend des Airbus-Absturzes. Bild: ap

Es gibt nichts Schwierigeres, als nicht zu erklären. Man möchte den Leuten erklären, dass sie keine Angst vor dem Fliegen haben müssen. Das ist immer noch so viel sicherer als Auto fahren. Man muss ihnen erklären, dass die sogenannten Sicherheitsmaßnahmen nach 9/11 nur neue Risiken geschaffen haben so wie diese Tür vor dem Cockpit, und in der Bundesregierung sollten sie mal darüber nachdenken, ob die Vorratsdatenspeicherung nicht irgendwie das Gleiche ist.

Man muss dem Leser, dem Zuschauer mal erklären, wie so eine Cockpittür funktioniert. Und dass es einen Begriff dafür gibt, wenn ein Copilot andere Menschen ohne ihr Einverständnis mit in den Tod reißt: Homizid-Suizid. Ganz sicher muss man ihnen erklären, dass der Absturz in Frankreich für den //twitter.com/niggi/status/581204080338534400:schlimmsten deutschen Massenmord nach 1945 steht. Wenn gar nichts mehr hilft, hilft Hitler.

Wegen der begründeten Annahme, dass ein Mann, ohne dabei den Namen seines Gottes zu schreien, hundertfach erweiterten Suizid begeht, stehen JournalistInnen in französischen Bergtälern herum, in denen nichts passiert. Andere sind längst weitergezogen, nach Montabaur in den Westerwald – dorthin, wo der Pilot Andreas L. wohnte –, um, wie es Kai Diekmann von der Bild sagt, ein mögliches Verbrechen aufzuklären, das schlimmste seit Jahrzehnten. KollegInnen erklären ihm, warum das nicht geht. Voyeurismus habe nichts mit Journalismus zu tun. Was eine kühne These ist, aber der Streit hat etwas Tröstliches, er ist rational fassbar.

Diese Texte werden folgen: Medien im Zeitalter des Internets. Schneller, lüsterner, harte Konkurrenz. Interpretationen des Pressekodex. Richtlinie 8.1 – Nennung von Namen/Abbildungen: Die Nennung des vollständigen Namens und/oder die Abbildung von Tatverdächtigen, die eines Kapitalverbrechens beschuldigt werden, ist ausnahmsweise dann gerechtfertigt, wenn dies im Interesse der Verbrechensaufklärung liegt …

Liegt ein Verbrechen vor? Immerhin hat ein Staatsanwalt die Ermittlungen aufgenommen, aber der könnte auch von Airbus gesteuert sein, die Franzosen haben schon früher versucht, ihre Konzerne zu schützen. Talkshow von Maybrit Illner, ein neuer Ansatz, dem man mal nachgehen könnte. Große Zeitleiste auf Seite 4, die fünf größten Verbrechen staatsnaher Firmen, die der französische Staat zu vertuschen versucht hat. Gab es da nicht diesen Konzernchef von Elf Aquitaine in Angola, der jahrelang Waffen für die Rebellen der Unita besorgt hat?

Es ist, als malte man ein Blatt mit Buntstiften aus, aber in der Mitte bliebe es immer weiß. Je mehr Erklärungen es gibt, desto sichtbarer wird die, die es nicht gibt, die Antwort auf die eine Frage: Warum?

Wir kennen die Bilder von überfüllten Flüchtlingsschiffen, die Storys von Schleusern. Aber wie sieht der Alltag einer Flucht aus? Wie verhandelt man mit Schleusern, wie genau überquert man Grenzen? In der taz.am wochenende vom 28./29. März 2015 rekonstruieren wir den Weg der drei jungen Syrer Amjad, Iyad und Osama und dokumentieren ihn mit ihren eigenen Fotos. Dazu gibt es die Multimedia-Reportage auf taz.de. Außerdem: Kann man Kinder bald nur noch in Großstädten bekommen? Wie eine Stadt um ihre Geburtsstation kämpft. Und: Ein Leben im Kornfeld. Unterwegs mit Jürgen Drews. Am Kiosk, eKiosk oder gleich .

Aber was ist mit den Opfern, die es jeden Tag in Afrikasienlateinamerika gibt? Warum trauern wir um die nicht genauso? Schmerzensmathematik. Aufgabe: Ist das Leid eines Toten in Nigeria kleiner, gleich groß oder größer als das eines Toten aus Düsseldorf?

Empathie ist schwierig, anstrengend. Empathie ist keine Handlung im Affekt, kein Die-Hand-vor-den-Mund-Schlagen und auch nicht, sich vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn man selbst in dem Flugzeug säße, vielleicht sogar derjenige wäre, der mit der Axt gegen die Tür drösche, immer und immer wieder, und um einen herum da schrien alle, und es wären Kinder an Bord, und dieses Arschloch von einem Piloten … Wie kann man so etwas nur tun, dieses Dreckschwein … Alles verständliche Reaktionen, aber keine Empathie. Sie hilft nicht, die eigene Angst und Verunsicherung zu beseitigen oder so zu tun, als ginge das. Sie verlangt das Gegenteil, sich auf den Schmerz anderer einzulassen – ohne zu vergessen, dass es nicht der eigene Schmerz ist und Rachefantasien allenfalls den Angehörigen zustehen. Empathie ist still, sie ist nutzlos, denn sie führt zu nichts. Sie macht keine Flugzeuge sicherer, produziert keine griffigen Sätze auf Facebook und Twitter.

Die erhellendste Passage in einem langen Text auf Seite 3 der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch beschreibt, dass auch Angela Merkel, emotionaler Frivolitäten unverdächtig, ihre Trauer von einem Zettel abliest. „Die Kanzlerin redet nicht frei, das macht sie nie in solchen Fällen.“

Sie sagt: „Meine Gedanken und meine Anteilnahme, auch die der gesamten Bundesregierung, sind bei den Menschen, die so jäh ihr Leben verloren haben.“

Braucht man dafür ein Blatt Papier? Für diesen Satz? Muss man nicht sehr ängstlich und herzenskalt sein, um in einer solchen Situation nicht frei sprechen zu wollen?

Es ist eine Kapitulation: die Anerkennung, wie übermächtig der Impuls ist, eine Antwort zu produzieren, sich selbst zu erleichtern und dabei die zu vergessen, denen Mitgefühl gebührt.

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Daniel Schulz führt zusammen mit Sabine Seifert das Ressort für Reportage und Recherche. Für seinen Essay "Wir waren wie Brüder" erhielt er 2018 den Reporterpreis und 2019 den Theodor-Wolff-Preis. Außerdem: Langer Atem und Team des Jahres 2019 mit den besten Kolleg*innen der Welt für die Recherchen zum Hannibal-Komplex.

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