Kolumne Darum

Sie nehmen mir alles

„Warum? Darum! Punkt!“ – Nicht einmal das letzte Wort lassen uns die Kinder. Sie sind, um es mit Roland Barthes zu sagen, Meister der Tautologie.

Ein Frage und ein Ausrufezeichen in einer Sprechblase

Roland Barthes nachträglich zum 100. Geburtstag gewidmet: „Warum? Darum!“ in Zeichen. Illustration: photocase/marshi

Der 100. Geburtstag des französischen Philosophen und Semiologen Roland Barthes liefert einen guten Anlass, sich mal mit dem Namen dieser Kolumne auseinanderzusetzen. Barthes schreibt in „Mythen des Alltags“: „So antworten die Eltern dem quengelnden Kind schließlich: ‚Das ist so, weil es eben so ist‘ oder noch besser: ‚Warum? Darum! Punkt!‘“

Es ist einer der Sätze aus dem Kapitel „Der Mythos heute“, Barthes charakterisiert und kritisiert darin auch die Tautologie; sie sei die Grundlage „für eine tote, eine unbewegliche Welt.“ Das ist sicher richtig und doch ist die Abfolge „Warum? Darum! Punkt!“ mehr als nur eine einfache Tautologie.

Ich verwende „Darum!“ nicht oft und wenn doch, dann höchstens als Reaktion auf vorangegangene Tautologien. Könnte Barthes nur einmal abends bei uns zu Hause am Esstisch sitzen, er stimmte mir zu und überarbeitete sein Werk. Ich weiß es sicher. Denn da sitzen dann zwei Exemplare der Gattung Tautologe, die auf fast jede Frage, die man ihnen stellt, mit einer „empörten ‚Vorführung‘ der Anrechte des Realen auf die Sprache“ (Barthes) antworten.

„Was genau fasziniert euch an den Youtubern denn so, die ihr ständig schaut?“ – „Dass sie Youtuber sind halt, das verstehst du eh nicht.“ – „Wie geht es diese Saison weiter mit dem BVB?“ – „Oh, Papa, das wirst du als Werder-Fan nie kapieren.“ – „Wieder was Neues in Minecraft gebaut?“ – „Gebaut, wenn ich das schon höre, lass es, das geht über deinen Erwachsenen-Horizont.“

Enttäuscht von Heiko Werning

„Verstehst du nicht“, „kapierst du nie“, „über deinem Erwachsenen-Horizont“ – da ist es, dieses knallharte und autoritäre Darum, von dem ich dachte, es sei eines der wenigen Wörter, die allein Eltern vorbehalten sind und speziell mir. Ich werde bald mal Heiko Werning anrufen müssen, bei dem ich den Kolumnennamen in einem Facebook-Preisausschreiben gewonnen habe. Ich sollte ihm meine Produktenttäuschung mitteilen und auf einen Umtausch drängen.

Doch halt. So wird das nichts. Man muss, wie Barthes, um Begriffe kämpfen. Ich werde meinen Kindern die Hoheit über die Tautologien wieder entreißen. Es kann nur einen Tautologen-Meister geben, nur einen der „Darum“ sagt und manchmal auch „Darum!“ und gelegentlich sogar „Darum! Punkt!“

Roland Barthes

„Man flüchtet in die Tautologie ebenso wie in Furcht, Wut oder Traurigkeit, wenn einem die Erklärungen ausgehen“

Aber wie mache ich das? „Man flüchtet in die Tautologie ebenso wie in Furcht, Wut oder Traurigkeit, wenn einem die Erklärungen ausgehen“, schreibt Barthes. Und weiter: „In der Tautologie liegt ein doppelter Mord: Man vernichtet das Rationale, weil es uns widersteht; man vernichtet die Sprache, weil sie uns verrät.“

Wenn ich gewinnen will, muss ich also zugleich flüchten und zum Doppelmörder werden. Das erscheint mir dann doch ein bisschen viel Dramatik wegen ein wenig Smalltalk am Abend. Ich verzichte dankend auf diese Meisterschaft.

Allein schon dieser Kolumnentext beweist, wie wenig ich mich zum Tautologenkaiser eigne. Da wird Philosophie zitiert, Sprach- und Subjektkritik haben ihren Raum, es werden Fragen gestellt und beantwortet, Argumente prallen auf Gegenargumente, das alles ist viel zu komplex. Ein Meistertautologe hätte nur geschrieben: „Barthes lesen. Warum? Darum!“

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